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Ein säulengesäumtes Portal und goldene Inschriften auf dem Architrav des Kunsttempels - die Rede ist nicht von der klassizistischen Fassade des Museum Fridericianum, dem zentralen Ort, wenn alle fünf Jahre die Documenta Kassel zum Weltzentrum der Kunst macht.
Gemeint ist der Ausstellungspavillon an der Place de l'Alma an der Seine, den Gustave Gourbet in direkter Nähe zur Weltausstellung von 1867 auf eigene Kosten erbauen ließ. Anders als heute in Kassel spielte damals in Paris die Kunst nur eine Nebenrolle und doch wollte Courbet - und in einem nicht ganz so prächtigen Holzpavillon mit fünfzig Bildern übrigens auch Edouard Manet - nicht versäumen, dem aus aller Welt herbeiströmenden Publikum seine Werke in eigener Regie zu zeigen.
Schon 1855 hatte Courbet, parallel zur Weltausstellung seinen eigenen Ausstellungsraum aufgebaut, zwolf Jahre später zeigte er eine Retrospektive von immerhin 137 Bildem. Und das nicht, weil er etwa über Zurückweisung schmollte; vier seiner Bilder waren auch für die offizielle Großausstellung ausgewählt.
 
Malerei von 
Jaakov Blumas und Martin Conrad
im Glasbau der AOK
Friedrichsplatz 14
34117 Kassel
25.Mai - 1.August 2002
Ruth Sachse - Kunst der Gegenwart >
Das Moderne an der Eigeninitiative von Courbet und Manet ist das Missbehagen an einer normativen Ästhetik mit ihren Beschränkungen: Künstler setzen ihren Geltungsanspruch unabhangig vom wertenden Kunstbertrieb und versuchen in Eigenregie so viele Menschen, wie möglich, zu erreichen. Das eigenwillige Verhalten von Courbet und Manet war eine Frühform von Künstlerselbstorganisation in Produzentengalerien und alternativen Ausstellungsorten. Von Bedeutung blieben solche Initiativen dann, wenn sie nicht gegen etwas gerichtet waren, sondern wesentlich für etwas:
Die Autonomie der eigenen Kunst
.
 
Ein solchermaßen individualisiertes Kunstverständnis hat aber den Nachteil, eine allgemeine, öffentliche Diskussion über Werke und Tendenzen stark zu erschweren. Das Bestreben, "politisch korrekte Kunst" zu zeigen ist zwar in Ansätzen eine neue normative Ästhetik, dennoch sind objektive Auswahlkriterien im aktuellen Kunstbetrieb kaum auszumachen. Jede Auswahl ist subjektiv, sie ist sogar um so besser, je subjektiver sie ist, solange die Auswählenden und die Ausgewählten starke und begründungsfähige Subjekte sind. Das heißt aber, die über Kunst geführte Diskussion wird wesentlich innerhalb sehr kleiner Kreise geführt. Es ist dann die Vielzahl solcher Kreise, die bestehende äußerst große Breite eines ganz unterschiedlich begründeten Kunstangebots ermöglicht.  
Gleich aus welchen Begründungen heraus Kunst gemacht und vertreten wird, sie muss ihre Wirkung in der Öffentlichkeit entfalten. Die Documenta ist die Kunstausstellung, die als die wichtigste der Welt eingeschätzt wird. Doch so real dieser Ausstellungsort in der Welt bestimmbar ist, so sehr begründet er sich dennoch in einer Vision, die nicht mehr an einen konkreten Ort bindbar ist: Es ist der offene Weltmarkt der unabhängigen Ideen und Artefakte. Eine vollständige Weltkunstversammlung ist indes nur ein schöner Traum, der allein von der schieren Menge her ohne eingrenzende Auswahl niemals realisierbar wäre. Schon 1867 wurden auf der Pariser Weltausstellung über fünftausend Bilder gezeigt, eine selbst für heutige Zeiten, in denen die Rede von einer Bilderflut allgemein ist, eine ganz unvorstellbare Zahl. Jedes Publikum wäre überfordert. Nicht einmal das world wide web kann einem derartig universalen Repräsentationsanspruch genügen, da auch dort alle Wahrnehmung zeitbedingt nur eine kleine Auswahl darstellt und es für gezieltes Vorgehen meist an geeigneten Filtern für die Rezeption fehlt. Dass angesichts dieses Zuviel dennoch aktuelle Malerei mehr leisten kann, als bloß den unzähligen Bildern weitere hinzuzufügen, wird zu zeigen sein.  
Jaakov Blumas und Martin Conrad verwenden als Künstler die Sprache der Malerei. Obwohl immer wieder totgesagt, bleibt die Malerei eine unübertroffene Art, die Komplexität der Wahrnehmung konzentriert ins Bild zu setzen. Zudem bietet die Malerei die Qualität einer ortsgebundenen und konstanten Körperlichkeit des Bildes, was gerade angesichts der flüchtigen, elektronischen Medien eine wichtige Eigenschaft ist. Um wirklich existent zu werden, braucht jedoch auch die Leinwand die Wahrnehmung des Publikums.
Mit der Ausstellung
STILLSTAND - MALEREI wird deshalb die zeitliche und räumliche Nähe zur Documenta 11 gesucht, die zugleich aber auch gegebene Distanz ermöglicht eine Rezeption der Bilder in angemessener Konzentration.
  Kann man ein Bild auswendig lernen?
Bilder und Zitate aus einem Ateliergespräch mit Jaakov Blumas >
Präsentiert werden zeitgleich und gegenüber zwei persönliche Positionen aktueller Kunst aus Deutschland an der Grenze zwischen farbbetonter Malerei und den im Bild aufgehobenen Bezügen zur Dingwelt. Dabei verfügt die Malerei von Jaakov Blumas und Martin Conrad über ein Repertoire, die hergebrachte Logik der Wahrnehmung visuell zu transzendieren und somit "unmögliche", gar von aporetischen Strukturen bestimmten Raumschichtungen zu bilden.
Als eine der ältesten Kunsttechniken steht auch heutige Malerei immer im Bezugssystem ihrer gesamten Geschichte. Es ist gerade diese Komplexität, die sie immer wieder erfolgenden Todsagungen fröhlich überleben lässt. Alle aktuelle Malerei, die etwas auf sich hält, weiß, dass ihre Chance darin besteht, eine "Malerei nach dem Tode der Malerei" zu sein. Tot ist nicht das Medium, tot ist nach über hundert Jahren zu recht nur die Avantgarde. Niemand kann mehr behaupten, die Kunstgeschichte habe als Ziel aller Entwicklung speziell den eigenen Stil. Alles, was Malerei jemals auszudrücken imstande war, steht heute zur Verfügung. Und jeder der einst neu entwickelten Ansätze hat den vorherigen nicht abgeschafft, sondern überlagert und in sich aufgenommen: Ein belastendes und verpflichtendes Erbe, aber auch ein herausforderndes Spektrum vielfältiger Referenzen.
 
Jaakov Blumas, ohne Titel,
2001,Öl/Nessel/Holz,
200x158 cm
Benutzen Künstler heute das Medium der Malerei, entspricht ihre "Malerei nach dem Tode der Malerei" in etwa dem, was Denker mit dem Begriff der "Postmoderne" meinen und Logiker mit "mehrwertiger Logik" bezeichnen - auch wenn diese Wörter nicht immer ganz ohne Bauchschmerzen benutzt werden können.
Allen diesen Begriffsfindungen geht es darum, lineare und dual-alternative Systeme zu überwinden und statt zwanghafter Synchronisation die "Gleichzeitigkeit des an sich Ungleichzeitigen" zu ermöglichen und einander eigentlich entgegengesetzte, sich bekämpfende Entitäten in unhierarchischen Parallelstellungen aufzuheben. Einfacher formuliert: Philosophie, Kunst und Naturwissenschaften versuchen von einem simplen "entweder/oder" zu einem oft schwer zu ertragenden "sowohl/als auch" zu gelangen . Das erhöht nicht nur in der Kultur die Informationsdichte, das wäre auch in den zahlreichen politischen Konflikten ein Lösungsweg.
 
Martin Conrad, Orit,
2001,Öl/Leinwand,
160x115 cm
Photographie und Film eigenen sich hervorragend zu Propagandazwecken. Malen aber bedeutet, nicht zu interpretieren, sondern in einem individuellen Akt etwas zu produzieren, das so noch nicht da gewesen ist. In einem längeren Prozess ständiger Auswahl von möglichen Alternativen, in gewählten und verworfenen Optionen erhält eine begrenzte Fläche eine Komplexität, die über den üblichen, eindimensionalen Realilätsbezug hinausgeht.
Kunstprofessor Bernhard Johannes Blume definiert Malerei als "ein individuell-ästhetisch brauchbares, mit numinosen Aura-Resten ausgestattetes Medium visueller Vergegenwärtigung", nimmt aber auch den eher informationstechnischen Begriff der "Schnittstelle" in Anspruch[1]. In dialektischen Schritten gebildet und vom Betrachter mehrdeutig nutzbar: Ist es vermessen, für die Malerei zu postulieren, sie sei ein Residuum der Ambiguitätstoleranz? Jedenfalls ist in der ästhetischen Praxis gemalter Bilder genau jenes dichte Zusammenfallen unterschiedlicher Abläufe und Sichtweisen in einem Blickpunkt zu erleben, wie sie die polyvalente Logik oder der mehrdimensional vernetzte Raum eigentlich erfordern.
 
JAAKOV BLUMAS
Jaakov Blumas ist ein Künstler, der mit Leinwand und Farbe komplexe Räume generiert, Möglichkeitsraume, nicht außerhalb der Realität, aber doch neben oder hinter unserer üblichen Realität. In architektonisch anmutenden Geometrisierungen erobert Jaakov Blumas mit renaissancehaft strengen Grundformen einen nichteuklidischen Hyperraum. Oft benutzt er die Option der Shaped Canvases, so dass die gemalten Formen in fast reliefartigen ihre Fort-setzung finden und schließlich die ganze Wand an der Bildgenerierung mitspielt.
Klare Strukturen und Referenzen an die Geometrie sowie Wiederholungen der einmal gesetzten Formen befördern die Wiedererkennbarkeit und beschleunigen die Bildwahrnehmung. Das so konstruierte, eher zeichnerisch zu verstehende Wahrnehmungsgerüst wird dann mit malerischem Material gefüllt: Unbekanntere, nur langsamer erschließbare Terrains entstehen und erzeugen Doppelbedeutungen und Paradoxien. Denn gemalte Linien können sowohl Abbilder von stützenden Strukturen, wie Umrisse von Formen sein, sie können aber, beispielsweise als Schraffur, auch selbst zu einer Flächenform werden. Und dunkle Farbfelder weisen über sich hinaus und werden zugleich mögliche Schattenflächen eines mehrdimensionalen Raumes. Zwischen Ellipsen, Teilkreisen und kippenden Perspektiven erzeugt dies eine zunehmende Unsicherheit über den Realitätscharakter des Dargestellten. Was auf den ersten Blick schnell in seinen Modulen zu erfassen ist, stellt sich langsam als so komplex heraus, dass es nicht mehr rational nachzuvollziehen ist. Das Bild verlangt unterschiedliche Rezeptions-geschwindigkeiten. Auch irritieren in der technisch konstruierten, oft mit Lineal und Schablonen erstellten, Malerei von Jaakov Blumas "unmögliche" Perspektiven, bei denen der immer noch am Renaissancekonstrukt der Zentralperspektive geschulte Blick unruhig wird, weil ihm ein vereinfachendes Einsortieren des Gesehenen nicht gelingt Aber das unterscheidet ein Gemälde von einem Verkehrszeichen oder einem Konstruktionsplan. In dem in Malerei formulierten offenen Angebot interpretativer Möglichkeiten entstehen diese Bilder und werden zu etwas Neuem erst durch die Kooperation des Betrachters: Kunst ist nicht zuletzt ein Wahrnehmungslabor.
 
Jaakov Blumas, Ohne Titel,
2002,Öl/Nessel/Holz,
200x285 cm

Jaakov Blumas,
Ohne Titel,2002,
Öl/Nessel/Holz,
200x285 cm

 
MARTIN CONRAD
Was in rückblickenden Betrachtungen über die Kunstgeschichte oft fälschlich als Vorwegnahme tituliert wird, ist nichts anderes, als das künstlerische Ausbilden von Wahrnehmungsmustern, die eine Weiterentwicklung innerhalb und außerhalb des Bereichs Kunst erst ermöglichen. So kann beispielsweise der Pointillismus als eine Erprobung der Bildauflösung in digitale Pixel wahrgenommen werden. Vielleicht irrt Hegel, der der Malerei absprach, ein Mittel der Erkenntnis zu sein. Und könnte es nicht sein, das heute besonders bei Jaakov Blumas und Martin Conrad im traditionellen Medium der Malerei eine Sehfähigkeit ausgebildet wird, die wir für den schnelleren und komplexeren Umgang mit neuen elektronischen Medien brauchen, der aber gerade in diesen neuen Medien aufgrund von Faszinations und Spaßfaktoren gar nicht ausgebildet wird und werden kann? Die Präsenz in der Farbwirkung sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Dichte und optische Widersprüchlichkeit dieser Bilder sie zu potentiellen Metazeichen macht, deren Sprache sich allerdings erst nur teilweise entschlüsselt.
Martin Conrad arbeitet mit beiden: mit gehaltener Farbspannung und mehrfachen Überlagerungen, die sich schneller Lesbarkeit widersetzen. Diese Malerei ist technisch und inhaltlich mehrfach geschichtet. Geschlossene Farbblöcke und eher offene, zeichenhafte Formen, die einen je eigenen Raum beanspruchen, finden in einem Bild zusammen. Was da im Bild seine skeletthaften Spuren hinterlassen hat, kommt aus ganz unterschiedlichen Bereichen: Als Anknüpfungspunkte an die sichtbare Welt finden sich individuelle Formen banaler Objekte aus der Natur und von kulturellen Konstruktionen wie architektonischen und wissenschaftlichen Modellen ohne dass ihnen eine spezifische Bedeutung zukäme.
Für diesen Formenfundus sammelt Martin Conrad nicht nur Dinge, er zeichnet auch und verfügt über ein großes Archiv an gedruckten Bildern, die über die Darstellung hinaus besondere Formqualitäten haben. Diese dann graphisch reduzierten, zu Strukturen entkleideten Dinge stehen jenseits einer Abbildfunktion als Inseln des Interesses in den Farbdimensionen der Tafelbilder.
 
Martin Conrad, Reseda, 2002, Öl/Leinwand, 150x130cm
Dabei entsteht im scheinbar ruhigen Bild eine dialektisch ständig hin- und herspringende Paradoxie: Da das Bild hierarchiefrei organisiert ist, steht jedes Element des Bildes zugleich für sich und ist Bestandteil des Ganzen, ohne dass die in der Bildorganisation funktionierenden Verknüpfungsregeln der Logik des Betrachters bekannt wären. Aufgeladen mit Teilen der Welt hat das vom Künstler organisierte Bild keinen anderen Zusammenhang mit der Welt, als eben den, ein Bild zu sein, ein Bild, das in einer geringfügig anders bestimmten zweiten Wirklichkeit gewiss bekannt wäre. Ein anderer kluger Kopf hat über die Bilder von Martin Conrad einmal gesagt, sie seien Abbilder der aporetischen Struktur der Realität, was wohl heißen soll, sie sind wie die Welt als Ganzes letztlich unerklärbar.
So komplex, wie sie ist, hat es die traditionelle Kunstform Malerei vielleicht gar nicht nötig, sich auf Referenzsuche zu begeben und sich auf Verwendbarkeit in neuesten technischen Spielereien prüfen zu lassen. Christoph Vitali, gerade unsanft verabschiedeter Leiter, des Hauses der Kunst in München, sagt :"Ich glaube, wir werden am Ende wieder zur Malerei und Bildhauerei zurückkehren. Die neuen Medien, was man auch immer darunter versteht, sind ein Ausprobieren von vielem. Letztlich wird es um die alten und uns bekannten Medien gehen, und so wundert es mich auch nicht, dass sich wesentliche Künstler immer wieder dieser Medien bedienen, wahrend sich ein Medium, wie das Video schon bald erschöpft haben, wird."[2]

Nach wie vor schaffen Pinsel und Farbschichtungen auf Leinwand eine Informationsdichte, wie sie die übrige Realität kaum zulässt. In der hektischen Vielfalt heutiger Bildproduktion leistet ein auf Leinwand gemaltes Bild zu dem etwas sehr Entscheidendes: Es ist eine statische Information an einem bestimmten, realen Ort - und es ist dennoch zugleich offen. Auf begrenztem Raum sind Erfahrungen konzentriert, und es werden sogar Möglichkeiten geöffnet, die Betrachter selbst über unterschiedliche Zeitdimensionen verfügen zu lassen. Das alles kann eine Malerei leisten, die Dynamik sogar im Stillstand entfaltet.

Hajo Schiff
 
Martin Conrad, Acer, 2002, Öl/Leinwand, 150x130cm

1 Bernhard Johannes Blume, Materialien zur Vortragsreihe
"Problem Malerei", HfbK Hamburg 200/2001
2Kunstforum, Bd.159, Mai 2002, S. 449
  Jaakov Blumas Geboren 1953 in Wilnius, Litauen.
Lebt und arbeitet in Hamburg
Martin Conrad Geboren 1954 in Grünstadt.
Lebt und arbeitet in Hamburg.
© 2002 Jaakov Blumas, Martin Conrad
© 2002 Hajo Schiff
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