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PORTRAITS IM WAHLKAMPF

zum Beispiel Ole von Beust / CDU Hamburg

 

Mit dem Fahrrad unterwegs in Hamburg. Auf dem Gorch Fock Wall vom Bahnhof Dammtor in Richtung Musikhalle vorbei an einem nicht enden wollenden Spalier von Wahlplakaten mit dem Gesicht des CDU Kandidaten für die Bürgerschaftswahl Ole von Beust . Ein Sprayer hatte auf einigen der Plakate einen schwarzen Schnauzbart plaziert. Mir gefiel das Vorbeigleiten der Plakatflächen. Erinnerte mich an Einzelbilder eines Films. Den sich unter der Nase des Fotos ständig ändernden Sprayfarbenfleck stellte ich mir vor wie er als Daumenkino schnell hintereinander betrachtet unter Ole von Beust´s Nase herum zappelt. Beschäftigt haben mich während der Weiterfahrt zwei Merkmale des Plakats:
Der Farbton des Fotos und der Blick des Dargestellten.

     
 

Die Brauntönung läßt an ein Archivfoto denken, an vergangene Zeiten und bleibende Werte. Das schafft vielleicht Vertrauen. In Kombination mit Merkmal Nr.2 drängt sie aber auch den Vergleich mit einem Wahlplakat und dem Foto Adolf Hitlers auf.
Hilters Leibfotograf Hoffmann hatte es 1932 aufgenommen und es erschien zuerst auf der Titelseite des Illustrierten Beobachters anläßlich der Reichspräsidentenwahl vom 13.März, wurde dann als Umschlagbild auf Mein Kampf verwendet und schließlich auf einem Plakat zur Reichskanzlerwahl fast Wange an Wange mit Hindenburg zusammen montiert.
Das Foto von.v.Beust zeigt ein leicht nach vorn geneigtes Gesicht. Das Weiß der Augäpfel wurde retouchiert. Beides soll dem Blick mehr Intensität verleihen.
Claudia Schmölders schreibt in ihrem Buch "Hitlers Gesicht" von der "..Strategie den Führer nicht als Machtinhaber, sondern als Visionär zu inszenieren: eine Nahaufnahme aus leichter Aufsicht, mit Glanzaugen und einem tiefen, teils besorgten, teils drohenden Blick ins Auge des Betrachters.." Das Gesicht Hitlers bekommt etwas Sakrales. "..So wenig Anlaß dazu die konkrete Physiognomie des Angebeteten gab, so sehr war sie gestützt und teilweise auch unfreiwillig inspiriert von jener verschwommenen zeitgeistigen Religiosität, die zwischen 1918 und 1945 ganz allgemein im Antlitz ein Zuhause suchte."

 

Zugegeben, ich mag Ole von Beust nicht besonders, aber seine Person soll hier nicht mit der Hitlers verglichen oder in irgendeinen Zusammenhang gebracht werden. Hier geht es um sein Foto und das hat er nicht selbst gemacht. Gemacht wurde es um eine ganz bestimmte Wirkung zu erzielen. Die Vermutung drängt sich auf, dass man sich hierbei vielleicht aus Dummheit, vielleicht aus Berechnung an der historischen Fotovorlage orientierte.

C.Schmölders sieht u.A. den durch den verlorenen
1. Weltkrieg und die "Schande" des Versailler Vertrags bedingten "Gesichtsverlust" der Deutschen Nation als Hintergrund für die Rolle die das "Führerantlitz" später spielen sollte.

Ole von Beust muß möglicherweise der CDU zu einem abhanden gekommenen Gesicht verhelfen.
Und der Sprayer lag gar nicht so falsch mit seiner Interpretation.

Michael Heinrich

 
 
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Claudia Schmölders: Hitlers Gesicht / Eine physiognomische Biographie
Verlag: C.H.Beck

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