- NARZISS OHNE
SPIEGEL
-
- Für mich
ist EVGEN BAVCAR nach Niepce, Fox Talbot und Daguerre der vierte
Erfinder der Fotografie. Und BAVCAR wird immer ANDERS fotografieren
als jeder andere: Denn BAVCAR ist blind. Muß sich die Bilder
seines Fotoapparates täglich aufs NEUE erfinden. Er verfügt
nicht über die Last UND Kenntnis der Perspektive, nicht
über die täglich hereinbrechende Fülle fotografischer
Bilder, die er zum Vor- oder Nachteil für seine eigene fotografische
SICHT verwendet.
-
- Alles wird
hier außer Kraft gesetzt, was uns hilft, in dieser Welt
zu leben: Die Wirklichkeit und Authentizität des SICHTBAREN.
Die Nutzbarmachung der AUSSEREN Welt. Aber die Sicht von BAVCAR
ist nicht der Blick eines unbeschädigten Menschen, der ZWISCHEN
INNEN UND AUSSEN lebt und diese zwei Bereiche in beliebiger Form
gegeneinander auswechseln kann, für ihn sind INNEN und AUSSEN
durch die darin herrschende Dunkelheit fast identisch. Sein ÄUSSERES
ist immer "nur" ein zu ertastendes ÄUSSERES, ein
verräumlichtes Bild, das er von allen Seiten rund herum
"erblickt", d.h. ertasten muß.
Für BAVCAR ist die Fotografie keine Ablichtung der vorgefundenen
Wirklichkeit. Bei ihm bedarf es keiner Abbildung des wirklichen
Lebens. Keiner Inszenierung oder RICHTIGSTELLUNG der Realität.
Denn seine Realität ist zuallererst die Dunkelheit seiner
Blindheit, in der die vorgefundenen Bilder die Würde ihrer
SELBSTBESTIMMTEN ORDNUNG behalten. Alles bleibt, was es ist.
Hier hat der Wahn unserer Interpretationssucht keine Möglichkeit
mehr, das Gesehene mit Bedeutungen zu verfälschen. Das Sichtbare
mit hinzugefügten Erklärungen zu täuschen. Denn
was NICHT gesehen wurde, davon kann es kein ABBILD geben. Und
auch der "schöne Schein" hat keine Möglichkeit
zu lügen und zu denunzieren, weil das dazugehörige
LICHT bei BAVCAR schon längst verloschen ist.
Und so bedarf es bei BAVCAR weder der identischen Wiedergabe,
noch der beabsichtigten BRÜCHE IN DER WIEDERGABE von Realität,
denn diese bleibt in ihrer zugebilligten SELBSTBESTIMMUNG trotz
ihrer fotografischen Aufnahme, d.h. Berührung, das, was
sie auch VORHER war: SIE SELBST. Weit entfernt von der üblichen
philosophischen Retouche und dem angeblichen Wahrheitsgehalt
unserer gegenständlichen Beschreibungsversuche. Wer oder
WAS hier arrangiert, ist ausschließlich der dramatische
Augenblick einer zufälligen Begegnung, die sich in der grenzenlosen
Dunkelheit des blinden BAVCAR vollzieht.
Der fotografische Blick erfaßt nur die äußere
Natur der Dinge, die endlosen Einzelheiten der Formen, die wir
mit der Ästhetik der Bild-Beschreiber buchstäblich
und fast zu unserer eigenen Erblindung mit Bild-lnterpretationen
überschichtet haben.
HIER bei BAVCAR ist die Fotografie endlich von der REPRODUKTIVEN
AUFGABE ihres Mediums befreit worden. Denn hier gibt es keine
Übereinstimmung mehr zwischen dem ergänzungsbedürftigen
fotografischen Bild und dem konzeptionellen Vorstellungsbild
des Fotografierenden. Die Aneignung von sichtbarer Wirklichkeit
wird in diesem Fall fast gänzlich dem Apparat überlassen,
den BAVCAR auf seine wahrnehmungslosen Augen preßt und
im Augenblick "des Knopfdrückens" einen winzigen
Bruchteil zu sehen glaubt.
Die Anwendung der Fotografie suggeriert BAVCAR für kurze
Zeit die Fähigkeit, sich die Welt anzueignen. Das Vorhandene
in sich AUFZUNEHMEN. Eine Simulation, die schließlich vorübergehend
die Erweiterung, die Entgrenzung und Auflösung seiner Blindheit
ermöglicht. Und ähnliches ereignet sich auch im fortschreitenden
Wechsel und in der nachweislichen Erweiterung unseres Kunstbegriffs,
in dem wir bei jeder bildwürdigen Darstellung am Ende immer
nur einen Ausschnitt des NACHFOLGENDEN Ausschnitts des angeblichen
GANZEN erleben. Ebenso gern wie seinen Fotoapparat benutzt BAVCAR
seine kleinen Taschenlampen: Ein Blinder, der einen Lichtstrahl
erzeugt, aber diesen nicht sehen kann. Und das gleiche ereignet
sich in den vielen Spiegeln, die BAVCAR in seiner Wohnung hängen
hat: Darin ein NARZISS, der sich von allen Seiten spiegelt, aber
sich selbst nicht erblickt: dem sein Spiegelbild verweigert wird.
BAVCAR zeigt der Kamera, was sie sehen soll, den Taschenlampen,
was sie beleuchten und den Spiegeln, was sie spiegeln sollen.
Unbegreiflich, wie BAVCAR das Geräusch des Fotografierens
erträgt, die Lichtquelle der Sonne (oder seiner Taschenlampen)
erträgt, ohne das Licht zu sehen, die zahllosen Spiegel
erträgt, ohne die äußere Welt, ohne das ÄUSSERE
ICH darin zu erblicken. Unbegreiflich, wie jemand aus diesen
offensichtlichen Mängeln seinen eigenen Vorteil entwickelte,
indem er uns damit die sichtbare Welt und die dazugehörende
Bild-Beschreibung völlig in Frage stellt und diese am Ende
besser beantwortet als wir.
Einer der erregendsten Vorgänge in BAVCAR scheint mir die
Beschleunigung der ANGEHALTENEN ZEIT, die dem fotografischen
Bild zugrunde liegt. Was AUSSEN leblos erstarrt und in dieser
einzigen und endgültigen Komposition endlos vervielfacht
werden kann, wird in der unnachahmlichen Tiefe und Elastizität
seiner Dunkelheit in lebende Varianten umgesetzt, die OHNE ZEIT
EXISTIEREN. Eine Tiefe, in der Menschen und Gegenstände
schwerelos durch die Räume seiner Blindheit gleiten und
- im Gegensatz zu der zeiterstarrten Stilleben-Fotografie - ohne
festen Halt sind. Eine sogartige, verselbständigte Mobilität
der Dinge, die uns chaotisch erscheint und ohne endgültigen
STILLSTAND auskommen muß, bis die restlose Verschmelzung
mit der darin vorherrschenden Schwärze erfolgt.
Und es scheint, als würden die dunklen Fotos von BAVCAR
mit ihren ausgeleuchteten Fragmenten und planlos erscheinenden
Mehrfachbelichtungen diesen Prozeß der Eigendynamik nach
AUSSEN stülpen und dadurch eine neue ästhetische Qualität
der Bewegung schaffen. Besonders dort, wo das Produkt vom Urheber
im '$Kontext Kunst" gewertet und gehandelt wird und die
Erscheinungen des Unsichtbaren in der Verdinglichung eines äußeren
Bildes unvermittelt ein Ende finden. Und auch hier gilt dann,
was üblicherweise erwartet wird: daß das Bild als
Synonym für das UNVERÄNDERLICHE und ENDGÜLTIGE
steht, während es im Innern BAVCARS als etwas Unfertiges,
Zufälliges und Vorläufiges in Erscheinung tritt, das
sich von selbst verändert. Von Unikat zu Unikat bewegt.
Die Fotografie ist ein Mittel der Kunst, die längst an die
Grenzen des Abbildbaren gekommen ist und das ANGESCHAUTE in die
innere Erlebnisfähigkeit unserer Köpfe verlagert hat.
Dorthin, wo wir die Dinge erleben, ohne sie real zu schauen,
den Lichtstrahl erzeugen, ohne das Licht zu erblicken, die Spiegel
benutzen, ohne uns selbst zu erkennen. Eine Ortslosigkeit der
Innenwelt, an die sich der blinde BAVCAR schon längst gewöhnt
hat. Und manchmal auch bei ihm die MOMENTE DES LICHTS, Flocken,
Spuren von Licht, jenseits der Dunkelheit, ein metaphysisches
Leuchten aus dem Inneren heraus: das Licht der Erinnerung inzwischen
über 32 Jahre hinweg. Unvergeßlich das Ergebnis seiner
36 Selbst-Aufnahmen, die er für mich in seinem größten
Spiegel machte: in Hut und Mantel, in einer Pose, in der er nur
geringfügig seinen Kopf wendet und die Auswahl der Spiegel-Bilder
(die 32 Jahre älter sind als das eigene Selbstbildnis in
der Erinnerung) dem Auge seines Apparats überläßt.
-
- Fotografieren
heißt für BAVCAR, sich mit etwas Fremdem, Unbekanntem
vertraut zu machen, eine Form der ANNÄHERUNG, obwohl er
die ÄUSSERE SEITE DES BILDES nur mit seinen Händen
erreichen kann. Vielleicht fotografiert er deshalb seine Umwelt
bevorzugt IN VÖLLIGER DUNKELHEIT, benutzt er Lampen und
Langzeitbelichtungen, um die Oberfläche der Bilder aus dieser
Schwärze herauszulösen. Und manchmal empfängt
er auch seine Besucher in dieser äußeren Dunkelheit,
damit sich BEIDE Partner nicht sehen können. Die Finsternis
zum Gegenstand der Reflexion wird.
-
- Ähnlich
wie bei uns im Bereich von zwei SEHENDEN Augen handelt es sich
auch bei BAVCAR um die notwendige Entmaterialisierung und TRANSFORMATION
des äußeren Bildes, das er nur ertasten und durch
seine Geräusche identifizieren kann. Aber es gibt auch bewußte
Störungen von ihm, die die Autonomie seines Apparats aufheben,
beabsichtigte Eingriffe in das natürliche Arrangement seiner
Modelle, konzeptionelle Inszenierungen von landschaftlichen oder
figürlichen Motiven, bei denen er häufig seine geliebten
"Schwalben" oder seine tastenden Hände mitbelichtet,
die ein fremdes Gesicht oder einen entkleideten weiblichen Körper
erkennen wollen.
-
- Und manchmal
wird eine solche Figur von seinen übereinander-belichteten
Händen fast vollständig bedeckt und nach INNEN, in
die Tiefe seiner Schwärze geholt. Die TOTALE ABLÖSUNG
von der sichtbaren Wirklichkeit bedeutet für EVGEN BAVCAR
aber nicht zwangsläufig die Herstellung einer vollkommen
künstlichen Welt, eine Art Realitätsersatz, denn die
Wirklichkeit seiner Innenräume ist genauso wirklich wie
die Wirklichkeit unserer Außenräume: ausgefüllt
mit sinnlichen und semiotischen Orientierungspunkten, die sich
mit den Bild-Resten seines Gedächtnisses verbinden, das
er im Alter von 11 Jahren zum letztenmal mit der sichtbaren Außenwelt
konfrontierte.
- Und es ist
verständlich, daß sich BAVCAR dieser LETZTEN BLICKE
immer wieder vergewissern möchte und immer wieder in seine
slowenische Heimat zurückkehrt, in jenes Stück Welt
zurückkehrt, das seine zerstörten Augen WIRKLICH EINMAL
GESEHEN haben. Denn in dieser Landschaft, bei diesen Menschen,
Bergen und Wäldern, an die er sich erinnert, ist auch für
ihn die ÜBEREINSTIMMUNG von Außen und Innen möglich,
obwohl seine Gedächtnisbilder 32 Jahre jünger sind
als der gegenwärtige Nachvollzug und diese Deckungsgleichheit
von DAMALS und HEUTE auch nicht von einem Sehenden erreicht werden
kann.
Was BAVCAR verdeutlicht, ist die Fähigkeit der REFLEXIVEN
IMAGINATION: Die Erkenntnis durch die eigene Einbildungskraft,
die sich selbst genügt und die traditionellen Kategorien
des SEHENS um ein Vielfaches übertreffen kann. Die tägliche
Zunahme von Bildern, ohne daß sie differenziert, assoziiert
und schließlich ins Imaginäre verlagert werden, hat
bei uns, TROTZ DER WEIT GEÖFFNETEN AUGEN und trotz der unmittelbaren
NAHE, der ständigen Ablichtung der äußeren Oberflächen
am Ende die totale AUSLÖSCHUNG DER SICHTBAREN WELT zur Folge.
Denn das "Zuviel" ist Verblendung und Blendung zugleich.
Und BAVCAR sagt: Mein Blick lebt überall und RUNDHERUM um
den Gegenstand, es gibt keine feste Lage meiner Augen: Sie sind
überall. Und deshalb seine Vorliebe, Skulpturen zu fotografieren,
weil er sie RUNDHERUM betasten kann, diesseits und jenseits des
Lichts, AUF DER ANDEREN SEITE DES BILDES erlebt. Und diese NÄHE
hat seinen Händen nie geschadet, weil sie durch die Materialität
der ertasteten Gegenstände entstand. Anders dagegen die
Sicht auf die Welt. Und EVGEN BAVCAR sagt dazu: Ich kann diese
Welt nur aus der Ferne betrachten.
-
- aus "Photonews"
Nr.4 April 1990
|
|
| Der
Berliner Autor Walter Aue* hat seit den 80er Jahren, als er dem blinden
Fotografen Evgen Bavcar in Paris begegnete, zahlreiche Ausstellungen
seiner Arbeiten organisiert und ihn mit Katalog- texten, Hörspielen
und Features, in Deutschland bekannt gemacht. |
|