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| J.Sonntag |
V.Freitag |
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Jena.
DDR-Zeit. Der Privatdozent am Medizinhistorischen
Institut Vassili Freitag empfängt einen Literaturwissenschaftler
aus Kiel, Julius Sonntag. Deutsch-deutsche Reserviertheit,
dahinter Sympathie und ein tiefgehendes gemeinsames Interesse:
Sehen. Sonntag schreibt an einer Monographie über
den Vormärz und die Bürgerliche Revolution 1848. Freitag
hat über Dieffenbach, den Berliner Augenchirurgen
und Begründer der kosmetischen Chirurgie promoviert. Bei Dieffenbach hat sich Ida Hahn-Hahn*
einer Schieloperation unterzogen und dabei ein Auge verloren.
Sonntag möchte wissen, ob Dieffenbach gepfuscht hat. |
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Schielen
galt bei vielen Völkern seit ältester Zeit als Zeichen
des Bösen Blicks. Auch heute sagt man ja noch: "jemanden
scheel ansehen." Das
heißt: jemanden schielend ansehen. Wer schielte hatte also
ein saures Leben. Allerdings sagte man auch von den Einäugigen,
sie hätten den Bösen Blick. Ihre Gräfin kam also
vom Regen in die Traufe.
Dieffenbachs Methode der Schieloperation war eine Abwandlung,
eigentlich die Umkehrung, der Klumpfußoperation, also eine
Entkrüppelungs- methode. Aufs Auge übertragen
wurde sie, wenn man den schlechten Ruf der Schielenden bedenkt,
zu einer Entdämonisierungmethode. Ein genialer kleiner, fast unblutiger
Sehnenschnitt, und der musculus oculi abducens, der Muskel der
den Augapfel nach außen zieht, war nicht mehr länger
der "Neider, Neidhammel oder Scheelsüchtige."
So hieß er nämlich in der älteren deutschsprachigen
Anatomie.
Dieffenbachs Ruf war nach der Hahn-Operation ruiniert. Er war
verbittert über die Reaktion in der Öffentlichkeit. Nach 1500 erfolgreichen
Operationen eine mißlungene und die Meute fiel über
ihn her. |
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Freitag und Sonntag
freunden sich an.
Sooft
er kann, kommt Sonntag nach Jena. Freitag führt ihn durch
sein Geviert: Medizinhistorisches Institut, Optisches Museum,
Zeiss-Planetarium und Medizinische Universitätsklinik, das
Zentrum der Hypnose-Forschung in der DDR. Von Hypnose, die sich als Freitags
Lieblings-Thema herausstellt, versteht Sonntag nichts, aber er
weiß, daß Hypnotiseure und Magnetiseure, Jettatori
und Faszinatoren in der Literatur der Romantik eine wichtige
Rolle gespielt haben. Freitag führt ihn in die Bibliothek der
Medizinischen Universitätsklinik, deren Prunkstück
ein Buch ist, von dem nur ein einziges Exemplar verkauft worden
sein soll: "Vom Schlaf und analogen Zuständen"
von Ambroise Augustin Liébeault, 1866 erschienen, gilt
als grundlegend für die sogenannte Schule von Nancy und
den modernen Hypnotismus insgesamt. Das Buch kam 1872 als Beutegut des
deutsch-französischen Krieges nach Jena, wurde in einer
langen Traditionslinie weitergereicht und landete schließlich
bei einem gewissen Mohnheim. Dieser Name wird von Freitag mit deutlichem
Respekt in der Stimme ausgesprochen. Mohnheim hat das Buch der
Bibliothek geschenkt. |
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SONNTAG: Ich besitze auch ein Buch, von dem offenbar nur
ein Exemplar existiert. Keine große Bibliothek hat es,
keine Bibliographie verzeichnet es. Ein Archäologe namens
Ed.van Waaren hat es geschrieben. Das Buch heißt
"Pyrophilus. Aufgaben einer künftigen Sinnenwissenschaft
als Bedeutungskartell." 1843 erschienen. Ein schönes
Buch. Ein komisches Buch. Dieser van Waaren, von dem ich nur
weiß, daß er Mitglied des Archäologischen Instituts
in Rom war - das steht auf dem Titelblatt - hat seinem Buch ein
Motto vorangestellt, das heißt: "Vermutung: wir erblinden." |
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Der
"Pyrophilus" (Feuerliebhaber) handelt von den fünf
Sinnen, die nicht nur ein eigenwilliges "Bedeutungskartell"
bilden, sondern auch neu definiert werden. Der
Riechsinn, der Sehsinn, der Hörsinn, der Eigensinn und der
Gemeinsinn sind nach van Waaren "Einstülpungen"
der "Ausformungen" Nase *nas-, Auge *oku- , Ohr *ausan-,
Haut *(s)keut- und Herz (oder "Seele") *kerd-. "Die Formen", schreibt van Waaren, "die
diese Sinne angenommen haben, oder die ihnen von ihrer jeweiligen
Polarität aufgedrungen - eingebildet - wurden, sollen uns
mehr beschäftigen als das, wozu sie angeblich dienen."
(S. 4) "Die Nase als Ragendes, das Auge
als Kugliges, das Ohr als Gewölbtes, die Haut als Ausgespanntes,
die Seele als Pulvriges (Ausgestreutes) - begreifen!" (S.
6)
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Freitag
interessiert sich sehr für dieses Buch, so sehr, daß
Sonntag zögert, es mit nach Jena zu bringen. Ihre Freudschaft
ist von Besuch zu Besuch enger geworden, aber Sonntag hat das
unerklärliche sichere Gefühl, daß Freitag den
Pyrophilus behalten würde, wenn er ihn einmal in der Hand
hätte; in einem Akt der Konfiskation. Deshalb läßt
er das Buch lieber zu Hause, "im Panzerschrank Westen",
und trägt nur sehr spärliche Fragmente in Form auswendig
gelernter Passagen in die DDR, die Freitag ebenfalls auswendig
lernen muß. "Alles echt. Eins zu Eins." Ob er
sie sich später aufschreibt, weiß Sonntag nicht; aber
daß alles wenigstens einmal sorgfältigt memoriert
wird, kann er kontrollieren. |
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FREITAG: "Philologie und
Physiognomik", sagt van Waaren, "die Lehre von der
Bilderschrift und der Gesichtsschrift, werden eines fernen Tages
zu einer Lehre vom Aussehen führen. Dann
wird uns das Eben-Bild erscheinen. Dann wird man verstehen, was
ein Bild ist und warum die Lautgestalt bil-d in den Anfängen
unserer und jeder der unsrigen verwandten Sprache "Unterschied"
bedeutet. Man wird auch verstehen, warum blin-d
nichts anderes als eine Verstellung von bil-d ist: aber wie könnte
die Verstellung von "Unterschied" heißen? Grundzüge einer Methodik zur Beantwortung dieser
und ähnlicher Fragen möchte meine Schrift bereitstellen,
um mit ihr die Aufgaben einer künftigen Sinnenwissenschaft
zu umreißen. Zwischen der heutigen Zeit
und einer kommenden, die den Ursinn von bil-d
als Unterscheider beherzigt, wird allerdings ein Ozean von Bildern
liegen, eine Wüste von Bildern, ein Luftmeer voller Bilder,
und wie Mühlsteine in den Wellen, wie Brunnen in den Dünen,
wie Rauch in den Winden werden unsere Sinne in Bildern versinken.
Wir werden erfahren, daß wir Bilder nicht
mehr unterscheiden können. Wir werden den Unterscheider
verloren haben und ersetzen müssen. Ersatz kommt immer aus
dem Ur-Sinn. Aus dem Urlaut füllt sich jedes spätere
Wort im Hall, gespeist von einer sehr materiellen Pump-Linie,
denn was ist klingender und wirksamer als der im Anfang in den
Hall versenkte Laut, den wir ebenso laut hören wie unser
Urvater zur Zeit des Urvaters Adam ihn hörte? In
der kommenen Civilisation wird jedes bil-d nur auf das Auge hin
gedeutet werden; der alte Laut wird die Aufmerksamkeit des Einklangs
durchstechen wie das Grelle durchs Auge direkt ins Gehirn fährt,
seine stets dämpfend-kalibrierende Aufmerksamkeit überrascht
und für kurze Zeit in die Konfusion des ersten Lichts, der
Urblendung oder Urbelichtung, hinauswirft. Von
dort aus sind wir ja nebenbei bemerkt in unsere Urgehirnkammer
hineinversenkt worden. Die um das Auge versammelte, in Bildern
versunkene Civilisation wird die Bilder im Unterschiedlosen vergötzen
müssen; Vergötzung ist Ausbleichung des Göttlichen.
Die Bilder müssen verblassen. Dann beginnt eine lange Zeit
der Blindheit." |
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SONNTAG: Nun sagen
Sie bitte alles noch einmal auf. Sie wollen doch nicht bestreiten,
daß die Ostmenschen und die Ostdeutschen an vorderster
Stelle, weil sie direkt an der Illusionsscheide leben, den Traum
haben, eines Tages den westlichen Panzerschrank zu knacken und
den Code seiner Füllung zu entschlüsseln. Aber dazu
müssen Sie erst aus Ihrer tiefen Wahr- nehmungsverwahrlosung
heraustreten. Sie haben ja keine Ahnung wie verwahrlost
Ihr Land ist. Was mir grau erscheint, erscheint Ihnen farbig.
Die DDR ist die erste Selbstblender-Republik auf deutschem Boden.
Sie wissen, was ich meine. Wenn Sie es nicht
schaffen, den Panzerschrank zu knacken und mit dem Inhalt wieder
lebend den Raum hinter der Illusionsscheide zu erreichen, werden
wir bei Ihnen einmarschieren und das Land in ein Umerziehungslager
umwandeln. Der erste Weg dahin ist die Schulung
des Gedächtnisses. Memotechnik. Sprechen Sie: jetzt. |
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Sie
beschließen, eine Reise zu unternehmen und verschiedene
Orte zu besuchen, die in ihren Diskussionen über Fragen
des Sehens und Nicht-Sehens eine Rolle spielen. Längst bilden
Sonntag und Freitag eine Gruppe. Sonntag ist das Alphatier, Freitag
das Omegatier. Diese Positionen scheinen für alle Zukunft
fest- geschrieben. Wie die Grenze zwischen den
beiden Republiken. Weil es diese Grenze gibt und nach
Sonntags und Freitags Ermessen auch immer geben wird, muß
die geplante Seh-Reise immer wieder verschoben werden. Die
Seh-Reise kann sich nicht auf das DDR-Gebiet beschränken,
und Freitag kann das DDR-Gebiet nicht verlassen. Mit jeder Verschiebung
wächst die Spannung zwischen Sonntag und Freitag und wohl
auch die Spannung zwischen den beiden deutschen Kontinentalplatten,
die sich bereits knirschend berühren. Davon
wissen zwar Sonn- und Freitag nicht, vielleicht aber die Staatsführung
der DDR. Aus unerfindlichen Gründen wird jedenfalls eines
Tages Sonntag die Einreise in die DDR nicht mehr erlaubt. Die
beiden deutschen Sehforscher sehen sich jahrelang nicht, schreiben
sich aber traurige Briefe, worin beide nur in Andeutungen über
den Gang ihrer Gedanken in der Sehfrage berichten. Als der antifaschistische
Schutzwall fällt, verfügt jeder über eine eigene
Theorie, die der andere nicht kennt. Keiner kann
die Theorie des andern gutheißen, als sie einander wiederbegegnen,
um ihre lange geplante sentimentale Forschungsreise endlich anzutreten. |
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SONNTAG: Schreiben
Sie mal ins Logbuch: Jahreszeit Avrilo. Ankunft ehemaliges Schloß
Remplin in Mecklenburg. Wind Süd-Südwest. 14 Grad Celsius.
Gute Sicht. Objekt vorhanden. Zwei Gelehrte nähern sich
dem Anwesen. Die Gelehrten sind ins Gespräch vertieft. Fachgespräch.
Keine Aktivitäten unfreundlicher Maori-Stämme. |
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FREITAG: Notiert,
Capitan. Soll ich mich jetzt vorstellen? Ja gut, lieber noch
warten. Lauschen. Augen zu, Seele auf. Das Geräusch der
Schritte auf dem Kiesweg. Das Flüstern des Windes in alten
Bäumen. Naturhypnose. Anlandung Neusehland geglückt.
In Ihrem Tropenhelm zittert ein Maori-Pfeil, Capitan. |
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SONNTAG: Erinnerungsbild
aktivieren. Sie schauen vielleicht mal kurz in eins der Fenster,
dann hier am Turm der alten Sternwarte hoch. Dann zeigen Sie
hier hin und da hin, zum Park. Sie sagen: Bild
markiert. Und ich sage: Schloß Remplin und so weiter, altes
Mecklenburgisches Gemäuer, Gräfin, Graf, Gram des alten
Grafen, Lieblingssohn stirbt, dunkler Sohn erbt. Das ist dann
der Vater von Ida Hahn-Hahn und wir aktivieren das markierte
Erinnerungsbild. Ich sage: Hier im Schloß
baut sich der Theatergraf sein Privattheater auf, so in der Größenordnung
eines heutigen ambitionierten Stadttheaters, sagen wir: in Ulm. Alles aus der gräflichen Privatschatulle finanziert.
Nur ist Remplin nicht Ulm. Hier gibts und gabs rundrum nichts
als ein paar Dörfer. Theaterfeindliche Maoridörfer. Der Graf mußte also nicht nur Schauspieler
verpflichten, sondern auch ein Publikum. Das wurde sehr teuer.
Um inszenieren zu können vor der anspruchsvollen Lebewelt
des norddeutschen Raumes, mußte er auch die Bankette nach
der Vorführung bezahlen; jede Woche eine Galavorführung,
jede Nacht ein Diner und ein Feuerwerk; und eines nachts, kurz
bevor der Traum endete, die Ehe geschieden wurde, die Mutter
mit den Kindern nach Rostock floh, holte er seine kleine Tochter
aus dem Bett, stieg hinauf in den Turm und zeigte ihr im Licht
eines Feuerwerks seine Welt. Wie der große Versucher. Das kann alles dir gehören, sagte er vielleicht.
Aber du mußt die Bilderwelt anbeten. Du mußt die
Bilder ehrlich begehren. Du mußt der Wirklichkeit abschwören
und dich zur Illusion bekennen. Denn Glück, Ida, gibt es
nur in der Welt, die du aus dir herausschleuderst. Da wurde Ida
krank. Sie bekam hohes Fieber und phantasierte. Ich glaube, in
dieser Nacht beschloß sie, Romanschriftstellerin zu werden. |
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FREITAG: "Ich
aber beschloß Politiker zu werden." Auf dieses berühmte
Zitat spielen Sie ja gerne an, Expeditionsleiter. Mit Recht,
aber auch mit Unrecht. Anfang des 19. Jahrhunderts
kannte die Medizin noch die "Überhitzung der Phantasie"
als Krankheitsursache. Die Inflammation. Aber der Satz aus "Mein
Kampf" , den Sie für Ihre Ida variiert haben, kommt
nicht aus der überhitzten Phantasie, sondern aus ihrer Überkühlung.
Aus der Kälte Schwärze und Leere des Kosmos. Kurs
Pasewalk, mon Capitain? Hier ist alles so sentimental. Wir müssen
dorthin, wo die Granate anfliegt und uns ins Zwischenreich reißt.
Nach Pasewalk. Träger! |
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SONNTAG: Ich möchte aber
das markierte Erinnerungsbild aktivieren. Machen Sie sich doch
so lange Notizen. Sortieren Sie den Proviant. Denken Sie über
Ihre Stasi-Vergangenheit nach. Ich möchte
den Leuten gerne erklären, wie jemand dazu kommt, zu wünschen,
er wäre blind. Und ich stelle mir vor, ein Grund dafür
könnte sein, daß der- oder diejenige irgendwann, möglichst
in der Kindheit, eine Überdosis Bilder abbekommen hat. 200
000 Minipixel oder so. Wie die Gräfin Hahn-Hahn auf dem
Turm. Und das Übermaß an Bildern wird wahrscheinlich
von Picto-Narkomanen wie dem Theatergrafen erzeugt. Solche Leute
proijezieren, wenn Sie an genug Geld kommen, ihre Innenbilder
nach außen und fixieren sie mit Geld. Können
Sie mir folgen? Wenn nun so ein Picto-Narcomane einen Picto-Infekt
überträgt, kann es zur Krise kommen. Der Picto-Infizierte
entwickelt eine Art Immunschwäche gegen Bilder, erkrankt
an einer schmerzhaften Hellsichtigkeit und Bildüberempfindlichkeit
und erblindet irgendwann selbsttätig auf die eine oder andere
Weise. Jetzt können Sie unsere Ausrüstung verladen
lassen. Ich bin vorläufig fertig. |
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FREITAG: Auf der Fahrt nach
Pasewalk bin ich verärgert. Diese Pixel-Picto-Geschichte,
das ist nicht meine Sprache. Das ist Westsprech. Bei euch im
Westen ist die deutsche Sprache verfault. Ihr habt euch von den
Nachkommen der Indianerschlächter mit Schlachtabfällen
vollstopfen lassen. Und von den Franzosen habt Ihr die Philosophie
übernommen. Dabei haben die Franzosen bekannter- und erklärtermaßen
überhaupt keine Philosophie. Erinnerungsbild
aktivieren, oui Massa! Millipixel, sehr schön ausgedacht,
aber ich höre doch ganz genau den simulationistischen Dämon
aus Ihnen sprechen. Dieses halb Ernst halb Spaß. Alles
andenken und liegenlassen; mit den Gedankenlötzchen spielen.
Utopia auf der Zunge und Grimm in der Tasche. Ach ja, wäre
das schön, wenn wir eine Realität hätten, aber
na ja, im Zeitalter der Telekommunikation und des massenhaften
Mauritiustourismus muß man sich einschränken. Kreatur
fremder Gedanken! Denken Sie daran, wir sind
auf einer Forschungsreise durch die Wirk-lichkeit, nicht durch
die Realität. Auf unserem Banner steht: Wirklichkeit als
Wirkendes. |
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SONNTAG: Sag ich
doch: We can work it out. Deshalb brauchen ich Sie ja als Dolmetscher.
Fühlen Sie nicht, wie gern ich eine deutsche Seele hätte?
Und einen deutschen Blick ins versunkene Deutsche? Und einen
deutschen Blick ins verweste Deutsche. Ich will
am Verdorbenen arbeiten. Helfen Sie mir. Ich bin ein mit Schlachtabfällen
vollgestopfter Literaturwissenschaftler aus Kiel, Sie sind ein
ehrenwerter Medizinhistoriker aus Jena. Aber auch Sie haben Ihr
Syndrom. Von Ihnen habe ich ja den Gedanken, die ganze westliche
Gesellschaft sei psycholinguistisch programmiert. Und die östliche
Gesellschaft? Sie sagen: die DDR war das größte
Hypnoseprojekt, das die Geschichte kennt. Aber Sie wissen natürlich
nicht, wie eure posthypnotischen Befehle lauten. Sie sagen ja
auch, Sie hielten es für möglich, daß eines Tages
plötzlich 100 000 Männer im waffenfähigen Alter
sich in Berserker verwandeln, also in Werbären, einige auch
in Werwölfe, und in einer Nacht ein Muster von Blutrunen
ins Gebiet Eurer DDR einzeichnen. Solche häßlichen
Gedanken habe ich allein von Ihnen. Wir brauchen einander. Wir
interessieren uns doch beide für das Sehen. Ganz einfach:
Sehen. Und für das Gegenteil davon: Nicht-Sehen,
was ja auf gar keinen Fall identisch mit "Blindsein"
ist. Aber wer es fassen kann, der fasse es. Wir haben die größten
Schwierigkeiten, das Nicht-Sehen außerhalb der Blindheit
zu fassen. Für uns Sehende wird nur in der Blindheit das
Nicht-Sehen sichtbar. Aus diesem Dilemma heraus
formulieren wir vorläufig unser Interesse so: ich bin hinter
Sehenden her, die sich nach Blindheit sehnen, und Sie hinter
Blinden, die nicht als solche erkannt werden wollen. Meine
Studienobjekte heißen Selbstblender oder voluntaristische
Blinde, Ihre heißen Blender oder Geheimblinde. Und Ihre
Geheimblinden kommen notorisch zu kurz. Deshalb schweigen Sie
verärgert auf unserer Fahrt nach Pasewalk. Erst nach einer
ziemlich langen Weile werde Sie wieder etwas zutraulicher. Ich
bitte Sie, die Anekdote von Hitler im Weltraum zu erzählen. |
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Die
biographische Literatur über H. ist voller mythologischer
Erzählungen. Eine davon berichtet von dem Meldegänger
H. Pflichtbewußt wie immer trug er seine Meldung von Gefechtsstand
A nach Gefechtsstand B. Unterwegs begegnete ihm ein Geschoss
aus dem Mythos. Eine aus dem Numinosen auf ihn abgefeuerte Granate,
die nicht explodierte, den Meldegänger H. aber in eine andere
Luftdruckwelt riß: ein Vakuum, einen Weltraum, eine Dimension,
in der Meldegänger zum mythologischen Rapport gebeten werden.
Vielleicht. In der Kriegsterminologie heißt
die Begenung mit einer nichtexplodierenden Granate "Granatkontusion".
In demjenigen, der in ihren Saugstrahl gerät, erzeugt sie
eine tiefgreifende Erschütterung. Hochgerissen ins Vakuum
erlebt er seinen eigenen Tod. Wieder ausgespuckt, bis auf ein
paar Blutergüsse unverletzt, hat er ein Errettungserlebnis.
In der mythologischen Erzählung erblindet
der Meldegänger H. nach diesem Erlebnis. Von gegnerischer
Seite wird er während der 20er Jahre gern und oft mit dem
Stigma der "hysterischen Blindheit" versehen. 1923
wird diese Diagnose in Heidelberg gestellt. 1933 wird der Bonner
Ordinarius für Psychiatrie Wilmanns für dieselbe
Diagnose aus dem Amt gejagt. Aus der Quelle wird nicht klar,
ob sich Wilmanns Diagnose post festo auf die aktenkundige Erblindung
von 1918 bezog oder ob er einen bis ins Jahr 1932 andauernden
Zustand diagnostizierte; wahrscheinlich ist letzteres. Wie
alle Krankheitsbilder aus dem Komplex "Hysterie" tritt
auch die "hysterische Blindheit" intermittierend auf:
sie zeigt sich und verschwindet wieder. Wilmanns und andere Psychiater
glaubten demnach, daß Hitler aufgrund seiner Erlebnisse
in der Granatkontusion periodisch in Zustände verfiel, die
man heute vermutlich "black outs" nennen würde.
Jede hysterische Krise riß ihn zurück
ins Todes-Errettungs-Erlebnis. Kehrte die Erinnerung daran zurück,
wurde er blind. In diesem Zusammenhang ist von Bedeutung, daß
ein dehnbares Gummi-Symptom wie "hysterische Blindheit"
auch bei einigen sogenannten "Kriegsschüttlern"
auftrat. Die bis dahin unbekannten Feuerwalzen
des Ersten Weltkriegs hatten der Medizin ein ganz neues Krankheitsbild
beschert. Hunderttausende von Soldaten litten an einem inneren
Zittern und/oder äußeren Schütteln, das von der
Psychiatrie hilflos als "molekulare Hirnschädigung"
klassifiziert wurde. Eine erfolgreiche Behandlungsmethode
für Kriegsschüttler entwickelte der Psychiater J.H.
Schultz, der spätere Erfinder des Autogenen Trainings.
Durch Selbsthypnose, autosuggestive Einwirkung
auf den Kern des verstörenden Erlebnisses, wurden so viele
"molekular Hirngeschädigte" ihres Leidens Herr;
das große Hirnbeben verlief sich während der 20er
Jahre allmählich. Eine Spielart dieser Zerrüttung bis
hinein in die Moleküle unterstellten Hitlers Gegner auch
dem braven Meldegänger; damit sollte er als Memme verächtlich
gemacht und in die mythologische Liste der Nicht-Helden eingetragen
werden. |
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SONNTAG: Ich erzähle
Ihnen von Kleist, während wir fahren. Kleist beruhigt Sie.
Ich sage: Kleist hat beschrieben, wie die Bilder
Caspar David Friedrichs auf seine Zeitgenossen gewirkt haben:
"Als ob ihnen die Augenlider weggeschnitten wären",
hätten die sich gefühlt. Waren das
Selbstblendergefühle? Oder das umgepolte Gegenstück
davon? Oder hören wir da von Selbstbelichtern, die eine
scheinbar ganz gegenläufige Sehnsucht der Zeit empfinden?
Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts ist
auch die Brutzeit der Fotografie. Jede Geschichte der Technik
berichtet, daß damals alles auf das Festhalten der Bilder
hindrängte; wir behaupten aber, daß diese Epoche ebenso
eine des Fernhaltens von Bildern war. Wenn man
sich mit Selbstblendern befaßt und auch noch mit Selbstblendern
aus der Brutzeit der Fotografie, kommt man so automatisch in
einen Bereich, wo das Sehen und sein Inventar von Begriffen fraglich
wird. Gut das ist Westsprech. Das Besprechen des Sehens wird
fragsam. Fragreich? Ein weites Fragenfeld tut sich auf. Offenbar
wendet sich der Selbstblender ja vom Glamour der Außenwelt
ab. Von der faden Herrlichkeit der Bilder, nicht aber von den
Bildern selbst. Sogar das Gegenteil ist der Fall. Die Selbstblendung
zeigt sich als Selbstbelichtung, als Licht aus dem Selbst im
Selbst für das Selbst: eine dreifache Verselbstung im Bild
findet statt. Wer nicht mehr sieht aus freien Stücken, der
taucht ein in die Wahrheit und Schönheit der eigenen Innendekoration.
Ja, das ist zynisch ausgedrückt. Eigentlich
scheidet der Selbstblender das Echte vom Falschen, das Grobe
vom Feinen, indem er das Bild von den Sehdingen ablöst.
Posthypnotischer Befehl: Berichten Sie von Jean Paul. |
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FREITAG: 1803, kurz
bevor der Theatergraf seiner Bildersucht freien Lauf ließ,
hat Jean Paul im "Titan" einen denkwürdigen Fern-Fest-Halte-Prozeß
von Bildern beschrieben. Der Maler Abano reist
mit einer Augenbinde durch Italien, bis sich sein inneres Bild
der dort von ihm vorausgesetzten Schönheit soweit eingebrannt
hat, bis er sich sicher sein kann, es nicht mehr durch den möglicherweise
ernüchternden äußeren Anblick zu zerstören.
Das ist ein schönes Beispiel von Selbstbelichtung
durch Selbstblendung. Abano behandelt seinen Kopf wie eine Camera
obscura, die ihr Licht selbst erzeugt. Aber Sie haben offenbar
nicht verstanden, was ein posthypnotischer Befehl ist. Ein posthypnotischer
Befehl ist mit einem militärischen Befehl nur entfernt verwandt.
Der Laie stellt sich unter einem Hypnotisierten einen Menschen
im Zustand der Willenlosigkeit vor und den Hypnotiseur als denjenigen,
der in der Lage ist, die Willenlosigkeit zu erzeugen und seinen
Willen im gelähmten Willen des Hypnotisierten zu etablieren.
Es ist aber schon lange bekannt, da Hypnose nur
funktioniert, wenn sich die Willen der beiden Beteiligten in
einer gemeinsamen Sphäre von allen anderen isolieren. Und
was in dieser intimen Sphäre wirklich vorgeht, ist sehr
umstritten. Vieles spricht dafür, daß der Hypnotiseur
der eigentliche Hypnotisierte ist, bzw. daß der Zustand
der Willenlosigkeit, die Trance, zwischen Hypnotiseur und Hypnotisierten
hin und her springt wie ein elektrischer Funke zwischen zwei
Polen. |
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SONNTAG: Wir befinden
uns auf einer sentimentalen Forschungsreise. Könnte man
doch sagen? Wir bereisen ja die Sentiments. Ich empfindsam, Sie
empfindlich. Dieser fundamentale, polare, aber
nicht entgegengesetzte Betrachter- standpunkt
läßt sich aus unseren Beschäftigungsfeldern leicht
erklären. Wir erklären es so: Jetzt
sind wir in Pasewalk in der Uckermark angekommen und stehen überrascht
und andächtig vor dem Denkmal für den Erfinder der
Blindenschreibmaschine, Oskar von Picht. Sie
müßten besonders überrascht und andächtig
und dankbar sein angesichts der Existenz eines Denkmals für
Oskar von Picht ausgerechnet in Pasewalk, wo Ihre Dunkelkammer
steht. Pasewalk ist ja Ihr Ort, wie Schloß Remplin meiner
ist - Schloß Remplin ist der konzentrierte Ort der Empfindsamkeit.
Ein Ort der Seh-Excesse und ihrer Brandnarben in der Seele der
kleinen Ida Hahn-Hahn. Pasewalk ist der dezentralisierte
Ort der Dunkelkammern. In der Dunkelkammer schlägt Sehen
um in unbegreifliches Nicht-Sehen. Die scheinbare Ausschaltung
der Lichtempfindlichkeit (durch Ausschaltung des Lichts) führt
zu unerhörter Empfindlichkeit des gesamten Wahrnehmungspotential.
Pasewalk ist Über-Empfindlichkeit. Schließen
Sie jetzt die Augen. Erzählen Sie jetzt die Anekdote von
Hitler, dem Gas und er Blindheit. Berichten Sie, was Sie darüber
erfahren haben und erzählen Sie es uns. |
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FREITAG: 13. Oktober
1918. Südlich von Werwick. Trommelfeuer von Granaten. Gaskrieg.
GELBKREUZ. Brennende Augen. Übelkeit. Rückzug. Ich zitiere: "Schon einige Stunden später
waren die Augen in glühende Kohlen verwandelt, es war finster
um mich geworden." (Mein Kampf, Bd. I, Seite 221) Zwei
Tage später kam Hitler hierher nach Pasewalk ins Lazarett.
Stockblind. Seit längerer Zeit beschäftigt mich die
Frage, ob er nicht sein Leben lang blind geblieben ist. Und das
meine ich nicht in irgendeinem übertragenen Sinn, genausowenig
wie Sie sich für symbolische Selbstblendung interessieren.
Das müssen wir schon klarstellen. Sie meinen
ja: Augenausstechen. Wie ich meine: durch die Welt der Sehdinge
schlafwandeln, ohne anzustoßen, und die Sehdinge ersetzen
durch etwas anderes. Denken Sie an das experimentelle Schlafwandeln
der revolutionären Mesmeristen um Puységur, Expeditionsführer. |
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SONNTAG: Wir gehen
zu der Stelle, wo Hitlers Lazarett stand. Da ist jetzt ein Imbiß.
An der Stelle der alten Dunkelkammer, wo nach Ihrer Meinung Hitlers
Erweckungs- Sequenz ablief, also sein Schicksal aus dem Schein
ins Sein klappte, an dieser unheimlichen Stelle steht nun ein
Imbiß. Na ja. Wir essen eine Kleinigkeit
und Sie berichten mir in bescheidenem Ton von Ihrer ungeheuerlichen
Theorie. Aber erst müssen Sie beichten. Sie geben zu, daß
sie als nicht unbekannter Medizinhistoriker in Jena heimlich
und sehr oft - "Mein Kampf" gelesen haben. Als
Medizinhistoriker waren Sie auf die Geschichte der Augenheilkunde
spezialisiert. In diesem Zusammenhang interessierten sie sich
für die Geschichte der Hypnose, die, wie Sie glaubhaft versichern,
sich immer wieder mit der Geschichte der Augenheilkunde berührt.
Schon früh waren Sie fasziniert von der
offensichtlichen hypnotischen Wirkung Hitlers auf Massen, seinen
Augen, seiner Mimik, der Abbildung seines Körperinneren
auf der Aussenhaut seines Aussehens. Sie sagten mir, daß
das Hitler-Bild in der DDR in einer hochillusionären Sphäre
statisch verharrte: einerseits wie ein posthynotischer Befehl,
der nur darauf wartete, reaktiviert zu werden, anderseits verhielt
sich die gefrorene Hitler-Erinnerung wie eine abgetrennte Erinnerung
, die von denen erinnert wurde, die Hitler in Einklang mit dem
-möglicherweise hypnotisierten- deutschen Volk zum Teufel
gejagt hatte. Das haben Sie gesagt: "Zum Teufel gejagt." |
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FREITAG: Hitler
hat die deutschen Kommunisten ja wirklich zum Teufel gejagt.
Im sowjetischen Exil gerieten sie in ein psychotisches
Verfolgungssyndrom. Jeder in der Sowjetunion unter Stalin wurde
verfolgt, aber keiner wußte warum. Stalin
wurde am furchtbarsten verfolgt, deshalb wurde er der furchtbarste
Verfolger. Im massenhaften psychotischen Verfolgungssyndrom kommt
es zu schweren gastritischen Störungen. Nicht
gierig verschlungene Schlachtabfälle wie bei Himmler, auf
den wir ja noch zu sprechen kommen, sondern hastig verscharrte
Wahnideen zerstörter Verfolger, die keine Motive hatten,
aus unverständlichen Gründen verfolgten wie sie verfolgt
wurden; diese Leichen stanken im Verdauungssystem der Verfolgergesellschaft,
die den deutschen Kommunisten unvertraut war. Sie kollaborierten.
Sie verleibten sich stinkende Leichen verfolgender
erledigter Genossen ein. Erich Honecker rülpste und kurz
wehte ihm Karl-Radek-Zerfall um die Nase. In
dieser unappetitlichen Sphäre, jetzt mit eigenem Staatsterritorium
ausgestattet, fixierten sie für ihre daheimgebliebenen,
mit ganz anderen Verdauungs- beschwerden befaßten
Volks-Genossen ein heroisches Hitler-Drachenbild. Der Ritter
adelt den Drachen, indem er ihn erschlägt; er entrückt
ihn in den Mythus, indem er ihn besiegt. Die
moderne amerikanische Hypnose-Forschung würde westsprechen:
Hitler wurde "reframed", in einen Rahmen gesteckt und
so auf rein hyopnotischem Weg als abgeschnittene Erinnerung zur
Seite gestellt. Aber die zur Seite gestellte
Erinnerung des Rein-Bösen lag Tür an Tür mit dem
anderen Bösen der Erinnerung an die Große Vaterländische
Psychose, die dem Ritter Schirm und Schwert geliehen hatte zur
Erledigung des Drachen. |
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Himmler litt an furchtbaren
Magenkrämpfen. Der einzige, der ihn davon befreien konnte,
war ein baltischer Masseur namens Kesten. In
seiner Autobiographie berichtet Kesten, wie er Himmler bei jeder
Massage eine Anzahl von Todgeweihten - Juden, Kommunisten, Priestern
und Nonnen - entriß. Für die Befreiung
von den Schmerzen, die durch maßloses und hastiges Verschlingen
hunderttausender von Seelen ausgelöst wurden, bezahlte Himmler
also mit der Freigabe von Leben. Nach Kestens
Angaben handelte es sich dabei um tausende von KZ-Häftlingen,
die der große Schlund in letzter Minute wieder auswürgte.
In früheren Zeiten galten Krämpfe als ein Zeichen der
Besessenheit. Ihre Beseitigung war Aufgabe des
Exorzisten. Die Verwesungsprozesse in Himmler behandelte Kesten
mit einer Variation der magnetischen passes (Ausstreichungen),
die schon Mesmer angewandt hatte. Durch seine
einzigartige Fähigkeit, Geister-Gase abzuleiten und Platz
zu schaffen für immer weitere hunderttausende Seelen, kam
Kesten zu beträchtlichem Einfluß und erhielt Einblick
in die geheime Krankenakte Hitlers, die auf Himmlers Befehl von
der SS zusammengestellt worden war. Danach handelte
es sich bei der angeblichen Erblindung durch Senfgas um "nichts
anderes als die häufig im Sekundärstadium der Syphilis
zu beobachtende Iritis oder Iridocychitis syphilitica."
Wie die hysterische Blindheit ist auch die syphilitische
Blindheit eingewebt in einen politisch-medizinischen Komplex,
der in den unzähligen Verarbeitungsprozessen der Biographie
Hitlers je nach Interesse betont, verschwiegen, entlarvt, dementiert
wird. Daß Syphilis im Sekundärstadium
neben zeitweiliger Erblindung häufig noch ein anderes Symptom
durchläuft beschreibt ein Buch, daß der Venerologe
Felix Plaut 1920 veröffentlichte: "Die Halluzinosen
der Syphilitiker." |
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SONNTAG; An dieser
Stelle haben wir eine Vision. Im Mikrowellenherd der Imbissbude
entsteht eine kleine kompakte Dunkelkammer. In der Dunkelklammer
sehen wir weiß auf schwarzem Grund, wie die Tafel in einem
Stummfiim, ein Menetekel. Wir verstehen es nicht. Bei dem Menetekel
scheint es sich um einen Eintrag in einem Wörterbuch zu
handeln. Der Eintrag ist überschrieben mit *DRAK/Pipeline
RA. Sie sagen:
das ist eine Mitteilung Mohnheims. Sie sagen: Mohnheim hat uns erhört. Ich sage: Warten wirs ab. Sie sagen: doch ganz bestimmt. Das
ist die Handschrift Mohnheims. Ich
sage: es ist aber Druckschrift. Da zeigt sich, daß wir dieselbe Vision
einmal in Handschrift und einmal in Druckschrift hatten. Ich sage: wir sind auf dem richtigen
Weg. |
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SONNTAG: Im Westen
ist das Problem des Hitler-Bildes in den Seelen nach dem Krieg
insofern bearbeitet worden, als eine Generation gegen ihre Väter
rebellierte und Hitler in den Vätern versenkte. Da aber abendländische Väter
sich selbst posthypnotisch in ihren Kindern als Erinnerungsbefehl
fixieren, gelang es dem Hitler-Bild, sich ins Immunsystem der
Aprés-Hitler-Generation einzuschleichen. Sie werfen mir ja vor, ich sei einerseits
Hitler-immunisiert, andererseits im Sakralbereich der Körperzelle
unrettbar von ihm befallen. Wie von einem Herpes-Virus. Aber
im Gegensatz zu Ihnen habe ich mich nie für "Mein Kampf"
interessiert. Ich interessiere mich auch jetzt nicht für
"Mein Kampf". Deshalb muß ich mich ja auch nicht
schämen, wie sie sich schämen müssen. Sie lesen ja jeden Abend vor dem Einschlafen
in "Mein Kampf". Und als Sie in den Dunstkreis Mohnheims
kamen, versuchten Sie verzweifelt, Methode in Ihre selbstbefleckerische
Lektüre zu bringen. Sie
entdeckten an Hitler, je länger je lieber, alle Anzeichen
einer schweren Sehstörung. Sie dockten ihn an Ihr Spezialgebiet,
die Augenheilkunde, an. In
Ihrem Spezialgebiet hofften Sie, ihn unschädlich machen
zu können. Sie träumten von dem Beweis, daß einige
Geheimblinde die Welt der Sehdinge, wo wir Sehenden unseren Geschäften
nachgehen, mit eigenen Konstruktionen infiltrieren und durchsetzen,
um sich in ihr bewegen zu können wie Sehende. Um sich zurechtzufinden. Jede Wahrnehmung
ist ja Zurechtfindung und Zurechtrückung, sagen Sie. Und
irgendwann und irgendwie sehen die Sehenden dann die Infiltrate
besonders projektiver Geheimblinder und kein Mensch weiß
mehr, was Sehdinge sind und was Geheimblindeninfiltrate sind.
Und das haben Sie sich ausgedacht,
weil Sie mit der Realität hadern. Das tun andere auch. Die
Frage ist nur, wie weit man bereit ist zu gehen mit seinen Zweifeln
an der Echtheit der Wahrnehmungen. Ich ziehe es vor, die Zweifel einiger historisch
fixierbarer Personen zu untersuchen, die nachweislich ernst gemacht
haben mit dem Austausch von Außenbildern gegen Innenbilder.
"Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis
hat es nicht begriffen", sagt der Apostel Johannes. Ich meine: Abwendung von den Bildern
der Außenwelt, Hinwendung zu den Bildern des Innern. Die
Sehnsucht danach, gerade in dieser größten Finsternis
das Licht zu ergreifen. Schauen statt Sehen. Da ist Augenausstechen
nur eine Methode unter vielen. Die
Gräfin Hahn-Hahn hat sich zum Beispiel ein Auge ausgeweint;
1840 in Berlin, unmittelbar nach einer Schieloperation, also
einem eitlen kosmetischen Eingriff ins eigene Bild nach einer
damals ganz neuartigen Methode, setzte sie sich an ihren Sekretär
und schrieb einen Liebesbrief; und weil sie unglücklich
verliebt war, mußte sie weinen und das operierte Auge entzündete
sich und sie verlor es. Und
weil der Grund für die Operation dieselbe Liebe gewesen
war, die das Auge kostete, entstand damals das Gerücht,
das ich eben wiedergegeben habe. Nach dem Motto"Liebe schafft
Leiden", selber schuld, alte Ziege. Hättest du weitergeschielt
wäre nix passiert. Heinrich
Heine hat die Häme auf den Punkt gebracht und geschrieben:
"O die Weiber! Wenn sie schreiben, haben sie ein Auge auf
dem Papier und das andere auf einen Mann gerichtet, und dies
gilt von allen Schriftstellerinnen, mit Ausnahme der Gräfin
Hahn-Hahn, die nur ein Auge hat." In Wirklichkeit aber wollte die Gräfin mit
diesem Auge und was es sah nichts mehr zu tun haben und weinte
es weg. Das ist ein Realitätshader, den jeder versteht.
Aber wer soll verstehen, was passiert, wenn ein Blinder herrscht
in einer Welt, die er aus seinem Innern hervorgeschleudert hat?
Daß man Theater spielt in einer
solchen Welt, das kann man verstehen. Aber daß man Krieg
führt in dieser Welt, nur in den eigenen Gedanken, wie Plateau
nur in den eigenen Gedanken Drahtschleifen geborgen und mit Seifenhäutchen
geimpft hat, daß es so eruptive Gedanken geben soll, wie
soll man sich das vorstellen können?
Sie verstehen es ja selbst nicht, Sie Arschzukneifer. Deswegen
erflehen Sie Mohnheims Hilfe. Sie können sich nicht vorstellen,
daß das Wahre aus dem Offenen kommt. Es muß im Geheimen
hausen. Im Verborgenen. Eben in der Dunkelkammer. |
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"Schon
gegen Mitternacht schied ein Teil von uns aus, darunter einige
Kameraden gleich für immer. Gegen Morgen erfaßte auch
mich der Schmerz von Viertelstunde zu Viertelstunde ärger,
und um sieben Uhr früh stolperte und schwankte ich mit brennenden
Augen zurück, meine letzte Meldung im Kriege noch mitnehmend.
Schon einige Stunden später waren die Augen in glühende
Kohlen verwandelt, es war finster um mich geworden. So kam ich in das Lazarett
Pasewalk in Pommern, und dort mußte ich - die Revolution
erleben!" ("Mein Kampf". Bd. 1, 221) Nach einiger Zeit im
Lazarett läßt der "bohrende Schmerz in den Augenhöhlen"
nach, "grobe Umrisse" werden wieder sichtbar. "Freilich,
daß ich jemals wieder würde zeichnen können,
durfte ich nicht mehr hoffen." (222) Hitler schlägt
einen milden, schicksalsergebenen Ton an. Dann kommen Nachrichten von der Abdankung
des Kaisers, der Ausrufung der Republik und dem Beginn der "Revolution".
Hitler läßt einen Pastor die schlechten Nachrichten
überbringen. Vor den versammelten Kranken beginnt der "alte,
würdige Herr...leise in sich hineinzuweinen." Nun kehrt
sich die Ursache der Blindheit um. Durch das Gas hatten sich
die Augen in "glühenden Kohlen verwandelt", jetzt
steigt die Blindheit von innen auf: "Mir wurde es unmöglich,
noch länger zu bleiben. Während es mir um die Augen
wieder schwarz wurde, tastete und taumelte ich zum Schlafsaal
zurück, warf mich auf mein Lager und grub den brennenden
Kopf in Decke und Kissen." (223) Hitler weint. Das hat er
seit dem Tod seiner Mutter nicht mehr getan. Alle Schicksalsschläge haben nur
seinen "Trotz" wachsen lassen. Kameraden und Freunde
starben neben ihm in den Schützengräben. Er weinte
nicht. Und selbst die Möglichkeit "für immer zu
erblinden" war kein Anlaß, zur Ausschüttung von
Körperflüssigkeit. Auf seinem Bett in Pasewalk, von innen
heraus neu erblindet und weinend, hat er eine Vision. Die Gräber
tun sich auf. Die "stummen, schlamm- und blutbedeckten Helden
als Rachegeister" (224) erscheinen. Eine heroische Szene
nach der andern ersteht vor dem inneren Auge des Blinden. Dann
wieder der Gedanke an die Schuldigen des Deutschland-Desasters:
"Elende und verkommene Verbrecher!"
"Je mehr ich mir in dieser Stunde über das ungeheure
Ereignis klar zu werden versuchte, um so mehr brannte mit die
Scham der Empörung und der Schande in der Stirn. Was war
der ganze Schmerz der Augen gegen diesen Jammer?" Die Vision erreicht
ihren Höhepunkt. Das Ziel erscheint. Ein neuer Sinn öffnet
sich "in der Stirn": herausgebrannt. Von der Blindheit
ist nur noch die Rede, um das Lodernde (Haß) des neuen
Sinns zu betonen. Mit einer Art drittem Auge öffnet sich
die Zukunft. Hitler verläßt die Vision ausgestattet
mit einem neuen harten Blick. Die beiden letzten Sätze des Kapitels
lauten:
"Mit dem Juden gibt es kein Paktieren, sondern nur das harte
Entweder-Oder. Ich aber beschloß Politiker zu werden." |
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FREITAG: Diese Beschreibung
nenne ich "Hitlers Erweckungssequenz". Sie haben bereits
höhnisch darauf angespielt, aber nicht erwähnt (weil
Sie es nicht fassen!), was ich damit meine. An zentraler Stelle
steht in "Mein Kampf" die Beschreibung einer Krise
des Sehens. Die Krise läuft
in drei Phasen ab: 1. Blendung durch den Feind (Gas) mit anschließender
Besserung des Zustandes. 2. Blendung durch die Nachricht vom
Thriumph des Feindes (Revolution). 3. Vision im Zustand der Blendung
führt zur vollkommenen Krise mit Öffnung des Inneren
Auges. Ein Wille ergreift
Besitz von Hitler, ein Glaube erfüllt ihn. Mir kommt es
vor, als hätte sich in seiner Stirn eine Stelle gebildet,
durch die die von ihm gern bemühte Vorsehung in ihn hineinsah. |
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SONNTAG: Aber wir können
ja nun leider nirgendwo in Pasewalk irgendwo in irgendwas reinsehen.
Wie es sich für Dunkelkammern
gehört, ist es in Hitlers Dunkelkammer eben hauptsächlich
dunkel. Wie in Ihrer Seele. Sagen Sie mir, Freitag: wie lautet
Ihr posthypnotischer Befehl? Sie
sind sehr sehr müde. Sie sind ganz entspannt. Sie sind wieder
in Jena, in der Medizinischen Universitätsklinik, wo schon
Binswanger gewirkt hat. Wo
J.H. Schultz das Autogene Training erfand. Sehr müde. Wo
Ernst Speer lehrte. Wo Kleinsorge Speers Lehrstuhl übernahm.
Ganz entspannt. Klumbies* kommt. Sie sehen
Klumbies vor sich in seinem weißen Kittel, er geht freundlich
auf Sie zu, er hält einen Kristall in der Hand. Ihr Blick
versinkt im Kristall. Dunkelkammer. Sie sind zu Besuch in einer
anderen Galaxis. Weit weg, dunkel, dunkel. Klumbies beugt sich über Sie. Er zieht ihre
unteren Lider mit dem Daumen herunter und betrachtet die Ränder
Ihres Augballs. Klumbies lächelt, lächelt. Als Sie
in der anderen Galaxis waren, hat er Ihnen etwas gesagt. Freitag,
hat er gesagt, wenn Sie aufwachen werden Sie sich an nichts erinnern.
Aber was hat er davor gesagt. Sie sind sehr müde. Sie erinnern
sich. |
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MOHNHEIM
Albrecht von Graefe
die erste Augenoperation zur Beseitigung von Halluzinationen
durchgeführt
WEISS
Kann man sich schenken: Graefe Schüler Dieffenbachs und
Johannes Müllers. Fall: Alter Mann hat beide Augen durch
innere Entzündung verloren. Innere Entzündung, äußere
Entzündung, gerollte Sonnenschlange
MOHNHEIM
Beide Augen atrophisch mit tastbarer Verkalkung. Nun entzündet
sich dem Alten das Innere Licht und die Innere Farbe auf dem
verkalkten Augenschirm von hinten. Der erschrickt natürlich.
14 Jahren blind gewesen wohliger Dunkelheit der Schock kann man
so verlesen
WEISS
verlesen plötzlich Fernsehen, das noch gar nicht erfunden
war. Wir schreiben das Jahr 1850 nach dem Julianischen Calendar.
Erst allgemeine Lichteindrücke, dann formt das aus dem Gehirn
ausgebrochene Licht von hinten auf der Netzhaut Gestalten. Erst
Tierköpfe. Geht ja noch. Dann Gesichter ihm bekannter Mensche.
Zitat.
MOHNHEIM
"Erscheinungen, welche den alten Mann in grosse Angst versetzten."
Der Augenchirurg Graefe nahm an, Zitat, "daß der Reiz
von der Netzhaut beider Augen ausgehe und sich zum Vorstellungscentrum
fortpflanze". Da durchschnitt er beide Sehnerven. Zitat.
"Diese Operation befreite den Mann nicht nur von den Hallucinationen
der Gesichtsvorstellungen, sondern auch von Licht- und Farberscheinungen,
wenigstens in den ersten Wochen der Durchschneidung."
Zitat aus.
WEISS
natürlich große Heilkunst. Wie die Sache weitergegangen
ist erzählt er aber nicht. Jedenfalls wenn man den Sehnerv
durchschneidet der Schock die Augenblase zieht sich erstmal zurück,
ist ja klar.
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SONNTAG: Jena! Jena! Stadt der
Optik. Stadt des Sehens. Ernst Abbe, Carl Zeiss, Lothar Späth,
Vergrößern, Verkleinern, Belichten. Festhalten
von Bildern. Hygiene des Sehens. Heilung des Nicht- und Falschsehens,
Eindringen ins Auge des andern; ein Lichtort, möchte man
meinen. Aber voller Schatten der Vergangenheit,
vieler Vergangenheiten. Hier hat unsere Freundschaft begonnen.
Hier werden wir vielleicht von ihr erlöst. Wenn
wir Glück haben. Wenn Mohnheim sich zeigt. |
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FREITAG: Hier bin ich zum Augenarzt
ausgebildet worden. Hier wirkte ich als Historiker der Augenheilkunde.
Hier bin ich Expeditionsleiter, Westling. Hierher zu mir kamen Sie gepilgert um Rat und Hilfe
mit Ihrer luxuriösen westlichen Frage: Hat Professor Dieffenbach
gepfuscht bei der Schieloperation der Gräfin Hahn-Hahn? |
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SONNTAG: Darauf hatten Sie aber
auch keine Antwort. Vielleicht hatten Sie auch eine und haben
Sie nur hinausgezögert, damit ich weiter kam den weiten
Weg von Kiel über die Grenzscheide der Illusionen mit Kaffee
und Tee und Kakao und Bananen. Wußten Sie
eigentlich, daß die DDR nur eine Testeinrichtung für
die Erprobung westdeutscher Fernsehprogramme im Doppelblindversuch
war? Ich wußte es nicht. |
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FREITAG: Ich wußte es
auch nicht. Aber wußten Sie eigentlich, daß ich mich
nur mit Ihnen anfreundete, weil Sie im Besitz eines gewissen
Buches waren? Daß ich Ihre Fragen über
selbstblenderische Gräfinnen nur deshalb über mich
ergehen ließ, weil ich hoffte, Sie würden das Buch
eines Tages zu mir bringen, ins Land jenseits der Illusionsscheide,
in die Testeinrichtung für die Erprobung westdeutscher Fernsehprogramme
im Doppelblindversuch? |
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SONNTAG: Ich ahnte es. Doch
ich wußte es nicht. Aber wie Sie wissen: auch ich bin ein
Hypnotisierter. Aufgewachsen in einer Van Waaren-Welt im dritten
Stadium der Bilderherrschaft. Das heißt,
ich komme aus einer Civilisationsstufe an der Grenzlinie zur
Blindheit. Soziale Orientierung wird auf dieser Civilisationsstufe
durch perpetuiertes psycholinguistisches und pictosuggestives
Programmieren suggeriert. Selbstblender sind die
Propheten der Zeit der Blindheit, die van Waaren vorausgesagt
hat; aber niemand kann sich wirklich vorstellen, welche Prozesse
im Prä-Blindheitsstadium einer Gesellschaft ablaufen. Darüber möchte ich jetzt auch nicht spekulieren.
Ihre Theorie einer allgemeinen schlagartigen Erblindung infolge
der ominösen Erweckungs-Sequenz, die Hitler in der Zeit
seiner Blindheit durchlief, lehne ich selbstverständlich
ab. Sie sagen, in Hitlers Stirn habe sich eine
Matrix geöffnet. Matrix übersetzen Sie mit "Mutterstamm
eines Baumes", den Markscheidepunkt. Als
Hitlers Markscheidepunkt offenlag, behaupten Sie, am Endpunkt
der visionären Krise eines Blinden, hätte er es mit
Hilfe nicht näher definierter Mächte oder physikalischer
Kräfte, geschafft, einen Seh-Strahl auszusenden und wie
in der Ab- und Aufblende, die Wirklichkeit auszuknipsen und eine
mit seinen Blindheitsexfiltraten drapierte Wirklichkeit anzuknipsen.
Aus seiner Markscheide sei eine sehr starke Emanation
hervorgedrungen, vergleichbar mit der einiger anderer hervorragender
Wirklichkeitszerrütter oder Blender, aber nur bedingt vergleichbar.
Denn die Wucht der Hitlerschen Abstrahlung sei
einmalig in der Geschichte; und diese Wucht ist Ihrer Meinung
nach nur durch die Einschaltung einer Energieform zu erklären,
die sich zwar vor Hitler schon gezeigt hatte, in ihrer ganzen
grimmigen Wut aber erst mit Hitler in den Geschichtsprozeß
einfädelte. Sie wissen, wie leicht solche
Aussagen ins Metaphorische umkippen. Und leider wollen Sie nicht
einsehen, daß Hitler in Wahrheit ein echter Selbstblender
war. Blind war er, das stimmt. Aber blind auf
eigenen Wunsch. |
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SONNTAG: Da ist es. Nun sind
wir unseren weiten Weg fast bis zum Ende gegangen. Mohnheims
verlassenes Gehäuse liegt vor uns, Capitán. Jena,
Werner-Seelenbinder-Straße 9. Das Eckhaus. Ein schönes
Haus. Eigentlich nicht besonders heruntergekommen.
Sehr schmuck eigentlich. Alte Bäume. Das Flüstern des
Windes. Das Geräusch der Schritte auf dem Kiesweg. Und da
ist auch das Messingschild. Ich lese vor: "Rupert
Mohnheim, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Dunkelfeldtherapie."
Dunkelfeldtherapie klingt reizvoll. Was ist das?
Wie wird er uns rufen? |
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FREITAG: Keine Ahnung. Aber
spüren Sie es, Expeditionsuntergruppenführer? Sowas
Atztekisches? Tausend Augen beobachten dich aus
dem Dschungel, du spürst alle und siehst keins. Wir sind
sehr nahe bei Mohnheim. Haben Sie den Pyrophilus? Das
ist unser Opfer. Nur mit einem Opfer kann man es wagen, sich
dem Unbekannten zu nahen. Wenn man aber ein Opfer hat und das
Unbekannte nimmt es an, dann ist man schon ein bißchen
mit dem Unbekannten bekannt. Dann geht alles
besser. Haben Sie den Pyrophilus? |
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SONNTAG: Ja, hier in meiner
Tasche. Ich schlage mal drauf. Hören Sie? So klingt nur
ein Buch. Jetzt umarmen wir uns. Es heißt vielleicht Abschied
nehmen für immer, mein lieber östlicher Freund. |
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FREITAG: Ja, Reichsgruppenexpeditionsführer
mit Diamantenlaub. |
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Freitag
sieht einen Briefumschlag aus seiner Jackentasche und reißt
ihn mit dem Zeigefinger auf. Weisse Schrift auf schwarzem Grund:
Wörterbuch Countdown 2-Halluzination, die Einladung zu Mohnheim
& Weiss. |
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SONNTAG: Freitag! Ich halluziniere
eine schwarze Limousine! |
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Eine
Limousine fährt vor, Türen öffnen, Türen
zuschlagen, gedämpfter Motorsound im Innern des Wagens der
fährt und fährt. Schweigen. |
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Der Wagen hält,
Türen schlagen, Schritte auf Kies, Gras und Beton. Das Schwarz
wird jäh durchbrochen vom Gegenlicht, das durch den größer
werdenden Spalt zwischen schweren, langsam aufschwingenden Türflügeln
so blendet, daß die beiden wie benommen über die Schwelle taumeln. Dahinter:
Teil 3 "Mohnheims großes Sehexperiment". |
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AURORA TEIL1
TEIL3 |
© 2002 PICATRIX
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Kleine Einführung
in Techniken der Selbstblendung
Selbstblendungen
sind nicht seltener als Selbstmorde oder die vielfältigen
Möglichkeiten, sich anderweitig selbst zu verstümmeln.
Wenn man Verkennungen, Täuschungen, Mißachtungen,
Black outs, Wegsehen, rosarote Brille, Schwarzsehen und andere
Arten der Beeinflussung der eigenen Wahrnehmung als Teile des
Formenkreises der Selbstblendung begreift, sind sie sogar relativ
häufig. Es ist kaum zu übersehen (es sei denn durch
den Einsatz einer der vielen Techniken der Selbstblendung), daß
unser privates und soziales Leben durchsetzt ist von strukturellen
Erblindungsakten.
Der Anteil der Selbstblender unter den Blinden ist vermutlich
hoch, aber selbstverständlich statistisch nicht zu bestimmen.
Daß viele Blinde ihren Zustand als angenehm, ruhig, behaglich
empfinden, läßt sich in der einschlägigen Literatur
leicht nachweisen. Über Wesen und Art dieses Behagens können
Sehende nur fröstelnde Vermutungen anstellen.1775 in Wien.
Maria-Theresia von Paradis, Patenkind der Kaiserin
Maria Theresia, begibt sich in die Behandlung des damaligen
Wiener Modearztes Franz Anton Mesmer. Die Tochter eines
hohen Staatsbeamten war als Dreijährige erblindet und hatte
in einer Zeit, wo gelehrige Blinde en vouge waren, eine glanzvolle
Karriere als Pianistin gemacht.
Mesmer arbeitete damals mit Magneten, die in Verbindung mit einem
vorher eingenommenen Eisenpräparat, ein "künstliches
Hochwasser" in seinen Patienten erzeugen sollten und eine
Krise auslösten, deren von Sitzung zu Sitzung schwächer
werdendes Auftreten schließlich zur Heilung führte.
Die Krise war gleichbedeutend mit dem Erscheinen der Krankheit
selbst. Die Krankheit nützte sich sozusagen ab, indem sie
erschien; ans Licht gezwungen, verblaßte sie und verschwand.
Der Asthmatiker bekam im künstlichen Hochwasser einen Asthma-,
der Epileptiker einen epileptischen Anfall - und der Blinde?
Nach einigen Sitzungen und Krisen erklärte Maria-Theresia,
nun könne sie wieder sehen. Ihre erste optische Wahrnehmung
war die Nase Dr. Mesmers; sie erschrak über dieses merkwürdig
geformte Organ und brachte die Befürchtung zum Ausdruck,
dieser Anblick könne vielleicht ihren Augen schaden. Das
bizarre, harte Sehbild erschien ihr als materielle Verletzungs-Drohung.
Auf Druck der Wiener Ärzteschaft, die es auf Mesmer abgesehen
hatte (und ihn bald darauf nach Paris vertrieb, wo seine eigentliche
Karriere begann), dementierte Maria-Theresia mitten in der Behandlung,
daß sie Mesmers Nase gesehen hatte, sank zurück in
musikalisches Dunkel und setzte ihre Karriere als Salon-Blinde
fort.
Wenn sich wirklich, wie Mesmer behauptete, in der Krise gerade
im magnetisch hervorgerufenen Symptom der Krankheit die Krankheit
selbst zeigte und heilte, dann hatte sich im Fall Maria-Theresia
Paradis nichts anderes als die Krankheit "Sehen" gezeigt,
mit schlagendem Erfolg, denn sie blieb blind. Mesmers Hochwasser
hatte nur aus ihr herausgeschwemmt, was sie aus unbekannten Gründen
in ihrer Kindheit in ihrem Inneren versenkt hatte: Bilder, weiche
kühle Bilder.
Kühler
wird es, wo ich wohne,
Dämmeriger nah und fern,
Aus der Himmelsstrahlenkrone
Fehlt schon mancher schöne Stern.
Tiefer fußen Tal und Grüfte,
Zauberhafter rauscht der Hain,
Und mir süßerem
Gedüfte
Schließt sein volles Laub mich ein.
Magst du, bunte Welt verblassen!
Aus dem feurigen Gewühl
Kehr ich schaudernd und gelassen
In mein innerstes Gefühl.
Was "Die
Erblindende" von 1860 schon sicher als Abkehr vom "feurigen
Gewühl" der Außenbilder formuliert, schwankte
in den "Orientalischen Reisebriefen" der Gräfin
Hahn-Hahn anderthalb Jahrzehnte früher noch zwischen Innen
und Außen, versuchte zu focussieren und zurückzudrängen,
was sich mit Macht ankündigte: das Ende der "bunten
Welt." Sie schreibt : "O diese Sehnsucht nach Licht,
sie zieht mich in den fernen Orient, sie führt mich über
Meere und Berge, sie drängt mich dahin, wo jemals Wundertaten
und Wunderwerke niedergelegt sind. Ich werde das nie finden,
was ich suche, nie die Unmittelbarkeit zwischen
dem schwachen Lichtfunken in mir und dem großen Lichtstrom
außer mir finden! Nur in Symbolen, in Formen, in Bildern
- nur mittelbar wird es sich mir mehr oder weniger kundtun!"
Selbstblendung ist die Methode, den "schwachen Lichtfunken
in mir" anzublasen. "Symbole, Formen, Bilder",
von Ida Hahn-Hahn noch als Substrate der unmöglichen "Unmittelbarkeit"
von Innen und Außen gedacht, macht ein anderer Selbstblender
fast zur gleichen Zeit zum Inhalt seines Lebens und Werks.
1843 in Frankreich. Während einer Versuchsreihe zur physiologischen
Optik starrt der begabte junge Physiker J.A.F. Plateau
so lange mit weit geöffneten Augen in die Sonne, bis er
blind ist. Um die Mittagszeit dauert das etwa 25 Sekunden.1873
veröffentlicht Plateau die Ergebnisse einer dreißigjährigen
Tätigkeit als blinder Forscher. Er hatte Drahtschleifen
geformt, Seifen-Häutchen in sie eingespannt und nachgewiesen,
daß auch die komplizierteste geometrische Form ein Seifenblasenhäutchen
halten kann. Weiter nichts.
Für die Mathematik war diese Entdeckung eine Herausforderung.
Das "Plateausche Problem" beschäftigt bis heute
die Disziplin der Topologie, die sich mit Schrumpfung, Stauchung,
Dehnung, Klappung und Zerrung von Formen befaßt. Formen
transmutiert sie in Formen, die man ebenso wenig in ihnen vermutet
hätte, wie im leeren Zylinder des Zauberers das Kaninchen.
Plateaus Entdeckung der "Minimalfläche"
in jeder noch so bizarr geformten Drahtschleife, stammte aus
einem Gehirn, das von seinem Besitzer entsprechend präpariert
worden war. Plateau wollte offenbar lieber ein topologisches
Laboratorium in seinem Kopf als eine Spielwiese unordentlicher
Anblicke; daß er sich als Blinder später an der Diskussion
um das "psychophysische Gesetz" Gustav Theodor Fechners
beteiligte, macht seinen Fall noch interessanter. Was auf den
ersten Blick wie ein Gelehrtenstreit um die Mathematisierbarkeit
der Beziehungen zwischen der physikalischen und der geistigen
Welt aussieht, ist in Wahrheit Ausdruck eines erbitterten Kampfes
um das innere Sehen, der im19. Jahrhundert mit großer
Entschiedenheit, Härte und Selbstaufopferung geführt
wurde.
Gustav Theodor Fechner, der Begründer der modernen
Experimentalpsychologie, hatte kurz vor Plateau und unabhängig
von ihm als Physikprofessor in Leipzig Experimente an sich selbst
über subjektive optische Phänomene durchgeführt.
Auch er schädigte seine Netzhaut durch direktes Ansehen
der Sonne. 1840 erlitt er einen Zusammenbruch. Seine Krise begann.
Er lebte drei Jahre in einem verdunkelten, schwarz gestrichenen
Zimmer, das er nur selten und nur geschützt durch eine goldene
Maske verließ. Als Plateau sich 1843 in sein Minimalflächen-Laboratorium
zurückzog, verließ Fechner gerade zum ersten Mal seine
Dunkelkammer, trat in den Garten hinaus, war überwältigt
von der Schönheit der Blumen, schrieb wie im Rausch das
erste Werk überhaupt zur Pflanzenpsychologie ("Nanna,
oder über das Seelenleben der Pflanzen") und war fortan
ein Ausbund an Gesundheit und Lebensfreude.
Als Plateau und Fechner fast dreißig Jahre später
über die mathematische Formel zur Bestimmung der Reizschwelle,
also der Schnittstelle zwischen physikalischer und geistiger
Welt, aneinandergerieten, trafen deshalb zwei Veteranen der Selbstblendung
der vierziger Jahre aufeinander: ein hart gebliebener und ein
weich gewordener, einer der den schwachen inneren Lichtfunken
angefacht hatte und einer der geläutert auf dem äußeren
Lichtstrom ritt.
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Kleine Schule
der Hypnose. Teil 1
Das erste Buch über Erkrankungen der deutschen Seele infolge
des Mauerbaus ("Die Mauerkrankheit", 1982) stammt aus
der Feder des Direktors der Psychiatrisch-Neurologischen Universitätsklinik
in Leipzig, Müller-Hegemann. Das Buch erschien nach
der Emigration Müller-Hegemanns in den Westen. Neben Kleinsorge
und Klumbies in Jena und Katzenstein in Berlin,
gehörte Müller-Hegemann zu den bedeutendsten Förderern
der Hypnose-Forschung in der DDR. Wohl nicht zufällig wandten
sich Psychotherapie und Psychiatrie unmittelbar nach dem Mauerbau
verstärkt der Erforschung und Modifizierung von zum Teil
seit Mitte des letzten Jahrhunderts bekannten suggestiven Verfahren
zu. Bereits 1962 veranstaltete die DDR auf Initiative Müller-Hegemanns
in Leipzig ihren ersten Hypnosekongress. Das war der Startschuß.
Unmittelbar nach dem Kongress wurde von den Zentren Jena und
Leipzig aus eine massive Kampagne zur Etablierung hypnotischer
Techniken in der Allgemeinmedizin gestartet. Tausende von praktischen
Ärzten lernten in Fortbildungskursen die Anfangsgründe
der suggestiven Therapie. Sie wurden in die Lage versetzt, posthypnotische
Befehle zu erteilen: "Ablationen" nach dem Klumbiesschen
Verfahren durchzuführen. Im Ablationsverfahren versenkt
der Therapeut in seinem Klienten eine Art von "suggestivem
Depot", auf dessen heilkräftige Wirkung der Kranke
immer dann zurückgreifen kann, wenn sich sein Symptom zeigt:
Schlaf- oder sexuelle Störungen, Neurosen, Schmerzen, Angstzustände
etc. Der posthypnotische Befehl hüllt dann das Symptom ein,
transportiert es auf Schleichwegen des Unbewußten ab und
wirft es in ein Seelenverließ. Anfang der siebziger Jahre
konnte die Operation "Puységur" anlaufen, in
deren Verlauf ein großer Teil der erwachsenen Bevölkerung
hypnotisiert wurde. Allein im Zentrum Jena wurden in dreißig
Jahren 160 000 Einzelhypnosen durchgeführt, die Zahl der
landesweit durchgeführten Hypnosen wird auf sechs Millionen
geschätzt. Hypnosetechnik wurde zu einem Exportartikel der
DDR-Wissenschaft. Sowjetischen Kosmonauten, die Matrosen der
sowjetischen Fischereiflotte und andere Berufsgruppen in extremen
Situationen wurden nach Klumbiesschen suggestiven Verfahren auf
ihre Aufgaben vorbereitet. Ebenso die Spitzensportler der DDR.
Aber das waren nur Nebenprodukte. Die Operation "Puységur"
zielte auf die posthypnotische Konditionierung des gesamten Volkes.
Wie kam es dazu?
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Kleine Schule
der Hypnose. Teil 2.
Die Operation "Puységur" zur flächendeckenden
DDR-Hypnose wurde durch eine Studie ausgelöst, die kurz
vor dem Bau der Mauer, 1960, entstanden war und einen schrecklichen
Verdacht äußerte: daß aus der Zeit des Dritten
Reiches eine posthypnotische Programmierung sowohl nach Ost-
wie nach Westdeutschland hineinragte. Es ist unbekannt, ob in
der Studie der Inhalt dieses Befehls und der Code seiner Auslösung
entschlüsselt wurden. Auftraggeber und Verfasser der Studie
sind ebenfalls unbekannt. Unbekannt ist zum dritten, ob die Studie
überhaupt existiert.
Nie wurde die Studie " Über Bewußtseinsschatten.
Psycholinguistisches Programmieren im Faschismus, Hereinragen
seiner Codes in die Nachkriegswirklichkeit" offiziell erwähnt
oder auch nur auszugsweise publiziert. Unter Eingeweihten kursierten
als Verfasser der Studie hinter vorgehaltener Hand die Organisation
"Neues Exegetisches Kollektiv" unter Leitung Mohnheims.
Auch der Eingeweihteste konnte sich im Traum nicht vorstellen,
was ein Neue Exegetisches Kollektiv sein oder womit es sich
vielleicht befassen könnte. Das Unbekannte wird immer mit
einem Namen des Geheimen bezeichnet. Stasi. Oder sogar: Gestapo.
Werwolf! Man verspannt das Geheime im Vorstellen, indem man es
nach der Tätowierung mit einem bekannten Geheimnamen wieder
bei seinem eigenen Namen nennt. Unter Leuten, die beurteilen
konnten, mit welcher Energie die Hypnose-Operation "Puységur"
durchgezogen wurde, klang "Neues Exegetisches Kollektiv"
wie ein Begriff aus der Überwelt. Der Name Mohnheim hatte
immerhin einen Repräsentanten. In den frühen 50er Jahren
hatte ein Rupert Mohnheim als Psychiater und Neurologe
in Jena praktiziert. 1955 war er verschwunden, wobei als besonders
verdächtig betrachtet wurde, das seine Praxis in Jena nach
wie vor existierte. Am Tor einer heruntergekommenen Villa aus
den Gründerjahren hängt auch heute noch das Messingschild
mit seinem Namen. Rupert Mohnheim, Facharzt für Neurologie,
Psychiatrie und Dunkelfeldtherapie."
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Julius Sonntag,
Literaturwissenschaftler an der Universität Kiel*, schreibt
in seiner 1985 erschienenen Monographie über die Literaturszene
des Vormärz "Mehr Licht - Vormärz und Nachapril",
1985:
GEORGE SAND
AUF DEN LIPPEN, HAHN-HAHN IN DER TASCHE
Ida Marie Luise
Gustave Gräfin von Hahn-Hahn wird am 22.6.1805 in Tressow
(Mecklenburg) als erste Tochter der Gräfin Sophie (geborene
von Behr) und des Grafen Karl von Hahn geboren. 1809
wird die Ehe der Eltern geschieden, Karl von Hahn wird entmündigt.
Familienehre und -vermögen der alten mecklenburgischen Adelsfamilien
haben durch die manische Theaterleidenschaft des Grafen schweren
Schaden genommen. Die Mutter zieht mit ihren
vier Kindern nach Rostock, dann nach Neubrandenburg und schließlich
nach Greifswald, wo Ida zur Schule geht und 1826 ihren Vetter,
den Grafen Friedrich von Hahn-Basedow heiratet. 1829
wird die Ehe aufgelöst. Sie nimmt ihren Mädchennamen
wieder an. Ihre taubstumme und geistig behinderte Tochter Antonie
wird geboren. Nach einigen Gedichtbänden
veröffentlicht sie 1838 mit "Ida Schönholm"
ihren ersten Roman, der ein beispielloser Erfolg wird. Eine ganze
Generation junger Frauen erkennt sich in Ida-Ida wieder, die
von sich sagt: "Meine Seele ist von der Art, daß sie
gewinnt, wenn die Schleier fallen. Ich stelle mich nicht zu hoch,
ich weiß sehr wohl, daß es Millionen schönere
Weiber gibt, tausend klügere, einige bessere, allein was
Herz und Phantasie betrifft, so suche ich wieder unter Millionen
meinesgleichen."
1839 schreibt sie ihren zweiten, ebenso erfolgreichen Roman und
absolviert die obligatorische Italienreise. Dann bereist sie
ganz Europa. Schließlich den Orient, das höchste der
Gefühle! Eine deutsche Adlige unter Muselmanen! Eine emanzipierte
junge Frau nächtigt im Zelt der Beduinen! Die Berichte über
ihre Reisen sind Bestseller. Fürst Pückler macht ihr
den Hof. "Humbold erweist ihr die größte Aufmerksamkeit".
Sie ist prominent.
"Berlin ist groß und wimmelt zu allen Zeiten von Literaturfreunden
beiderlei Geschlechts; dilettierende Lieutenants, sentimentale
Jungfrauen im Schiller-Stadium und emanzipationssüchtige
mit George Sand auf den Lippen und der Hahn-Hahn in der Tasche",
schreibt der junge Theodor Fontane. Ihre Eitelkeit
ist ein vielbesprochenes Thema, ebenso ihre Bescheidenheit, ihre
Schönheit wie ihre Häßlichkeit, ihre Libertinage
wie ihre Prüderie, ihre angebliche Liebe zu Frauen, zu Beduinen,
zu Demokraten, zu Reaktionären - die Gräfin irrisiert. Nun ist sie sehr prominent.
1840 kommt die Wende. Im Verlauf einer tragischen Liebesgeschichte
unterzieht sie sich einer Augenoperation. Plötzlich fühlt
sie sich durch einen bis dahin als "charmant" empfundenen
leichten Silberblick entstellt- und verliert das linke Auge.
Ihre Reisetätigkeit nimmt manische Züge an: "Es
treibt mich hinaus. Flucht! Flucht!" Wieder fährt sie
in den Orient, für ein ganzes Jahr diesmal. Smyrna, Beirut,
Damaskus, Jerusalem. Sie bleibt einige Monate in Ägypten.
1844 erscheinen die vierbändigen "Orientalischen
Reisebriefe". Neue Reisen, in den Norden, nach Irland, nach
Sizilien und Spanien. Gehetzt durcheilt sie Europa - und kapituliert
1850. Die Flucht ist mißlungen. Die Gräfin aus altem
protestantischem Adel bittet darum, in die Katholische Kirche
aufgenommen zu werden. 1851 distanziert sie sich
von allen vor ihrer Konversion geschriebenen Werken und versucht
Neuauflagen zu verhindern. 1854 gründet
sie nach einem Noviziat im Kloster Angers das Stift "Zum
guten Hirten" in Mainz, als Rettungsstätte für
unverheiratete Mütter und finanziert es aus eigenen Mitteln.
Sie lebt selbst im "Guten Hirten", in einer kleinen
Kammer wie die gefallenen Mädchen. Sie schreibt nun Mariengedichte
und historisch-apologetische Schriften. 1860-80
kehrt sie zum Roman zurück und verfaßt vierzehn "katholische
Romane." 1880 stirbt sie.
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