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DAS ECHTE 45GER SCHWARZ 1945 steht
nur noch Götterdämmerung auf dem Vorführplan des
tausendjährigen Premierenkinos. In den deutschen Großstädten
liegen die Filmpaläste in Schutt, die meisten Studios in
Asche, aber es wird weiter für den Endsieg gefilmt, der
ja kommt, nur vom andern Ende. Wer genau hinsieht,
kann die Flugzeuge im fertigen Film erkennen. Kenner unterscheiden
die einzelnen Szenen nach dem Auftauchen englischer und amerikanischer
Maschinen am Filmhimmel. Anfang des
Jahres überraschte ein Sammler* von UfA-Originalien die Fachwelt
mit Resten des "definitiv letzten Films des Dritten Reichs",
der angeblich noch im April 1945 fertiggestellt worden sein soll.
Der Berliner Sammler (45) verfügt über drei Filmbüchsen,
"die im Sog der deutsch-deutschen Ereignisse hochgekommen
sind." Über die Herkunft des Materials schweigt er
sich aus. Da saugt der Sog in die vorgesehene Richtung: die Herkunft
bleibt untergetaucht. Andere Sammler sprechen von einem hochkarätigen
Privatarchiv aus dem ehemaligen Ostteil Berlins, aus dem die
Filmbüchsen stammen sollen oder von einer sowjetischen,
französischen, rumänischen Quelle; einer, dem der Neid
ins Gesicht geschrieben steht, schwadroniert von einem nach Paraguay
geflohenen SS Untergruppenführer - wir haben in diese Richtung
nicht recherchiert. Nach dem, was inzwischen geschehen ist, könnte sich diese Entscheidung als falsch erweisen. Vielleicht hätten wir der Frage nach dem möglichen Unguten in der Herkunft dieser drei Filmbüchsen* nicht ausweichen sollen. Aber ursprünglich ging es nur darum, einige alte Filmfragmente zu begutachten. Und das zumindest haben wir mit aller Sorgfalt getan. |
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SOUVENIRS AUS DEN UfA-SCHNEIDERÄUMEN? Büchse
Eins: Büchse
Zwei: Büchse
Drei: |
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Der erste Eindruck: am Vorabend des Zusammenbruchs herrscht im Film - wie in der Realität jener Tage - Finsternis vor. Das erste Fragment, das der Sammler und renommierte Kenner der Geschichte des europäischen Films aus Büchse Nummer 1 präsentiert, besteht aus sehr viel Schwarz, sparsam mit ein paar Prozent Licht gemischt. Träge Schemen, langsam andriftende Figuren, unbekannte Zeichen, Ornamente, die aus Staub, Rauch, Dampf oder Nebel zu bestehen scheinen. Wie Animationen aus der Frühgeschichte des Experimentalfilms. Aber stammt diese beeindruckende Menge Schwarz wirklich aus dem April´45? Und wer hatte die Macht, im Chaos des Zusammenbruchs die offenbar umfangreiche, nach allen Regeln des Metiers gestaltete Film-Ordnung zu organisieren, wie sie aus den Büchsen zum Vorschein kommt? "Dieses Projekt gehört vielleicht zu den größten der Filmgeschichte überhaupt. Es würde mich nicht wundern, wenn der Film auf fünf Stunden angelegt war. Oder auf acht." Wie kommt der
Sammler auf die Idee? Reicht es nicht, Fragmente des "definitiv
letzten Films des Dritten Reichs" zu besitzen? Muß
es auch noch der längste sein? Rechnen wir: die Klappe mit der niedrigsten Nummer kennzeichnet
Szene 20, die mit der höchsten Szene 481. |
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ZWISCHENRAUM Nun stand der
Lattenzaun ganz dumm Der Architekt
aber entfloh "Diesem
Gedicht von Christian Morgenstern verdanke ich die Anregung zur
Analyse der Zwischenräume aus den Synchronklappenbildern.
Eigentlich zur Analyse des ganzen Komplexes. Vielleicht ahnen
Sie ja schon, wie groß das Haus ist, das ich aus Zwischenrauminformation
in Umrissen rekonstruiere. Aber Sie können mir glauben:
wie weitläufig es Ihnen auch vorkommen mag - gegen das richtige
Haus des Films, von dem wir außer ausgedehnter Vakua nur
ein Treppengeländer, den abgestürzten Kamin und den
Türklopfer besitzen, ist mein Haus eine miese Hütte."
Bei jeder Aufnahme
wird die Synchronklappe mit einem anderen Abstand zur Kamera
gehalten und geschlagen. In vielen Fällen ist der Abstand
zum Objektiv so gering, daß die Klappe das Bildformat füllt
und nichts weiter zu sehen ist, als ein flüchtiger Eindruck
der Hände, die die Klappe schlagen und halten.Aber auch
Hände vermitteln Informationen. Männer oder Frauen?
Ringe, Armbanduhren, Nägel, Narben, Tätowierungen.
Wie viele verschiedene Hände tauchen auf? 13 verschiedene Klappenschläger werden dingfest gemacht, ausschließlich Männer. 3 davon sind Zivilisten, 5 Marinesoldaten und einer oder zwei bei der Waffen-SS. Die übrigen bleiben vorläufig unidentifizierbar. Die Analyse der Hände wird in Beziehung gesetzt zur Analyse der Fälle von Aufnahmen, wo Ärmel, meist Uniformärmel, oder Teile der Schulter auftauchen oder unmittelbar nach dem Schlagen der Klappe, die manchmal freundlicherweise sogar für einen Sekundenbruchteil aus dem Bild genommen wird, das Motiv der jeweiligen Einstellung zu erkennen ist. |
| Wir stimmen zu: schon auf der Spitze des Eisbergs* tummelt sich reichlich Personal. Wir ersparen uns die beweisintensive Dechiffrierung eines der 5 Marinesoldaten "mit 80 prozentiger Wahrscheinlichkeit." Er ist bei Rostock gefallen, wo er seit 1943 stationiert war. Hinweise auf einen Einsatz dieses Mannes bei einem Filmprojekt hat der Sammeler nicht gefunden. "Aber Rostock, das können Sie sich merken." |
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ÜBER TRICONODON MORDAX UND DIE FÜLLE DES FRAGMENTS Hinter dem
durchgestrichenen Pferdchen auf den "Wiesen vor Greifswald"
ragt aus der Stadtsilhouette der mecklenburgischen Stadt der
Turm der St. Marienkirche. |
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Jemand hat
das Bild kopiert und als Vorlage einer Filmeinstellung benutzt.
Ob Kopist und Regisseur identisch sind, läßt sich
nicht beantworten. Fest steht nur, daß zu einer bestimmten
Zeit in Mecklenburg mit großem Aufwand irgendwas gedreht
wurde. Ein kleiner Teil des Irgendwas ist vorhanden. Verglichen
mit den 2 Sekunden der identifizierten Synchronklappe vom Greifswalder
Marktplatz handelt es sich dabei um ein riesiges Fragment. Aber
verglichen mit der nur zu erahnenden Gesamtausdehnung des Films,
schrumpft es wieder soweit, daß er, der Sammler und Sichter,
nicht nur Zeit, Geld und Gehirnschmalz zusammennehmen mußte,
um sich ihm zu nähern, sondern auch allen Mut, "getrieben
von der Kraft der Passion." Ob wir Triconodon
Mordax kennen? Nein? Ebenfalls ein Fragment mit erheblichen Synchronizitätszwischenräumen,
durch die allerdings Äonen schauen, nicht die paar Jahrzehnte
seit 45. Triconodon Mordax ist der erste bekannte Vetreter der
Spezies Säugetier. Teile seines Unterkiefers und einige
Zähne wurden im Oberen Jura gefunden.
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